Bürgerhaushalt für Göttingen!
Porto Alegre als Modell?
Von Martin Brauns / martin.brauns@t-online.de
"Der
partizipative Bürgerhaushalt von Porto Alegre", so hieß eine Podiumsveranstaltung
die vor ca. zwei Monaten im ZHG der Universität Göttingen stattfand.
Podiumsgäste
waren: Davi Luiz Schmidt, Provinzregierung Porto Alegre (Ex-Vize-Bürgermeister
für Bildung und Erziehung), Porto Alegre, Miguel Rangel, Stadtrat im Rat des Bürgerhaushaltes,
Porto Alegre Stefan Wenzel, haushaltspolitischer Sprecher Bündnis 90/Die Grünen,
MdL Hans-Peter Suermann, Erster Stadtrat und Kämmerer, Stadt Göttingen Dr. Wolfgang
Schrödter, Hauptgeschäftsführer Nieders. Städtetag, Hannover. Moderation:
Silke Inselmann, Stiftung Leben + Umwelt, Hannover
Veranstalter: Stiftung
Leben und Umwelt, Heinrich Böll Stiftung Niedersachsen in Kooperation mit KATE,
Kontaktstelle für Umwelt & Entwicklung, Stuttgart im Rahmen eines länderübergreifenden
Projektes der Heinrich Böll Stiftung

Ein Teil der Podiumsteilnehmer
Bürgerbeteiligung
in Porto Alegre
Zur Einführung in die Thematik referierte der Politologe,
Dietmar Böhm von der Fachschule für Sozialpolitik über den Bürgerhaushalt Porto
Alegres: Seit mehr als 10 Jahren stellt die brasilianische Millionenstadt Porto
Alegre den kommunalen Haushalt mit wachsender Beteiligung gemeinsam mit Bürgerinnen
und Bürgern auf. Mit großem Erfolg: Die Korruption wurde massiv eingedämmt, die
Infrastruktur hat sich erheblich verbessert und die Identifikation mit der Stadt
hat sich bei allen Beteiligten erhöht. Porto Alegre, ausgezeichnet von der UNO
für "good governance", macht Schule - nicht nur in Brasilien, auch in
Deutschland.

Erreicht wurden diese guten Ergebnisse
mit der konsequenten Beteiligung der Bürger Porto Alegres an den Jahres-Haushaltsentscheidungen
Ihrer Stadt. Die Frage, was mit den frei verfügbaren Mitteln (ca. 20 % des Gesamthaushalts)
getan werden soll, wird in einem 11-monatigen Prozeß diskutiert. Vor allem die
Bürger der Stadt, die kein Wählermandat besitzen und nicht Mitarbeiter der Stadtverwaltung
sind, bestimmen in einem festgelegten Verfahren, wofür die Gelder in welcher Höhe
und Reihenfolge für welche Projekte eingesetzt werden. Sie erstellen dafür Ihre
Prioritätenlisten in aufgabenspezifischen Arbeitsgruppen und auf Stadtteil-Versammlungen.
Die Beteiligung ist sehr hoch. Miguel Rangel berichtete, dass gegenwärtig in seinem
Stadtteil mit 120.000 Einwohnern ca. 2.000 Bürger zur Versammlung kommen. Am Ende
des jährlichen Prozesses resultiert aus all dem ein partizipativer Haushalt, dessen
Daten in einer für die meisten Bürger verständlichen Fassung veröffentlicht und
an jeden Haushalt verteilt werden.
Ähnlich wie in Deutschland ist die Verwaltung
der Stadt nicht verpflichtet, die Beschlüsse der Bürger auszuführen. Sie befolgt
sie freiwillig seit 1989. Wie die beiden Referenten aus Porto Alegre erläuterten,
hatte das natürlich gravierende Auswirkungen:
1. Korruption ist bei solchen
Verfahren kaum möglich, sie ist definitiv beendet.
2. Es wird eine weitgehende
Interessenbalance für alle Bürgerschichten erreicht.
3. Politiker müssen
Ihre Arbeit nicht so stark nach dem Gesichtspunkt, welche Politik, welche "Show",
welche Versprechungen sich am besten im Wahlvolk verkaufen lassen lassen, ausrichten.
Sie werden eher daran gemessen, was sie tatsächlich tun.
Bürgerbeteiligung
in Deutschland
Ist all dies nun ein Modell für direkte Demokratie und
Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern auch bei uns? Die Frage stellt
sich nicht nur in Göttingen. In vielen Städten Deutschlands wird mit Bürgerbeteilungs-Modellen
experimentiert. In Nordrhein-Westfalen wurde dafür ein Projekt von Landesregierung,
Bertelsmann-Stiftung und der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsvereinfachung
(KGSt) initiiert. Die Stadt Hamm ist eine der Modellkommunen und aufgrund ihrer
Einwohnerzahl von 180.000 Bürgern vielleicht am ehesten dafür geeignet, dass ihre
Erfahrungen und Vorgehensweise für Göttingen geprüft und ggf. genutzt wird.
Erste
Versuche für Bürgerbeteiligung in Göttingen
Die Stadtverwaltungen Göttingen
ist erste Schritte gegangen, um mit Bürgerbeteiligung zu experimentieren.
Im Wettbewerb "Zukunftsfähige Kommune 2001/2002", welcher in Anlehnung
an die Agenda 21 ausgeschrieben wurde, erreichte Göttingen immerhin eine Bronze-Prämierung.
Über die Qualität der Konsultationsprozesse steht in der Agenda 21: "Mit
Interessensvertretern, Bürgerinnen und Bürgern wird ein Einvernehmen über die
drängenden sozialen, ökologischen und ökonomischen Probleme erzielt." Frau
Friedrich-Braun, Ansprechpartnerin für die Agenda 21 in der Verwaltung der Stadt
Göttingen, erwähnte als Beispiel die derzeitige Diskussion der Südumgehung auf
Bürgerversammlungen und über die Internetpräsenz der Stadt Göttingen.
Als
zweites verwies sie darauf, dass Bürger in Entscheidungen einbezogen würden, welche
Steine für den Bau von einigen Wegen und Straßen verwendet werden sollen.
Sie wies auch auf den Koordinierungskreis Agenda 21 hin. Er trifft sich unregelmässig
das nächste Mal im Herbst. In diesem Koordinierungskreis werden Themen
wie Umwelt, Frauen, Gesundheit und Entwicklungspolitik diskutiert. Dieser Kreis
habe sich aus Vertretern verschiedener Interessengruppen gebildet, sei aber offen
für neue Mitglieder. Man werde ggf. weitere Interessenten zu den nächsten Treffen
einladen.
Was ist Bürgerbeteiligung?
Aus dem Berichteten von
Porto Alegre und Göttingen wird deutlich, dass die Vertreter dieser Kommunen ein
unterschiedliches Verständnis von dem, was Bürgerbeteiligung sein könnte, besitzen.
Im folgenden der Versuch einer eigenen Definition:
1. Bürgerbeteiligung ist
immer darauf ausgerichtet, einen Interessenausgleich zwischen allen Bürgern
einer Gemeinschaft (in unserem Fall der Kommune) sicherzustellen.
2. Das bedeutet,
dass nicht nur die Verwaltung, die Politiker und die Interessenverbände an Entscheidungsprozessen
beteiligt werden. Vielmehr müssen die Vertreter dieser Gruppen ein fundamentales
Interesse daran entwickeln, dass auch die Wünsche, derjenigen einbezogen werden,
die keine (gute) Lobby besitzen und politischen und anderen Randgruppen zugehören.
Es sind vornehmlich die Wenig-Besitzenden, die Resignierten, die Arbeitslosen,
die Kranken, die wenig Gebildeten und oft die Kinder in unserer Gesellschaft,
deren Interessen zu wenig berücksichtigt werden.
3. Alle Beteiligten müssen
ein beständiges Interesse besitzen, die bisher "Wortlosen" zu aktivieren,
deren Interessen wahrzunehmen und in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen.
4. Von allen Beteiligten wird erwartet, dass sie andere Meinungen respektieren
und bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.
5. Von allen Beteiligten wird
erwartet, dass sie sich sachkundig machen, bevor sie Entscheidungen treffen. Fehlt
Wissen und Sachkundigkeit dann müssen alle relevanten Informationen zur Verfügung
gestellt werden.
Erfahrungen mit Bürgerbeteiligungen
Die Erfahrungen
in Porto Alegre zeigen, dass sicherlich ein besonderer Aufwand für Bürgerbeteiligung
betrieben werden muss, aber der gewünschte Effekt wird erreicht. Monitär ausgedrückt:
Die Kosten sind wesentlich geringer als der erzielte Gewinn. Auch die Bürgerkommunen
aus Nordrhein-Westfalen berichten durchgängig von positiven Erfahrungen.
Bürgerbeiligung
in Göttingen ist notwendig
Neben dem Koordinierungskreis Agenda 21 gibt
es in Göttingen noch eine weitere Gruppe, die Bürgerbeteiligung auf Ihre Fahnen
geschrieben hat. Es handelt sich um den "Arbeitskreis Bürgerbeteiligung".
Das nächste Treffen dieser Gruppe findet am 4. Sept im Fernsehraum der Galerie
APEX um 19.30 Uhr statt. Auf der Internetpräsenz von attac, www.attac.de/goettingen,
sollen die Termine und Arbeitsinhalte dieser Gruppe künftig veröffentlicht werden.
Es scheint nicht nur wünschenswert sondern dringend notwendig zu sein, dass Bürger
den Haushalt der Stadt Göttingen beraten. Die Arbeitsergebnisse der Verwaltung
und des Rates der Stadt deuten auf eine geballte Unfähigkeit, die Bürgerinteressen
wahrzunehmen. Das muß nicht (allein) an persönlichem Versagen liegen, vielleicht
sind es vor allem die Entscheidungsstrukturen, die weise Entschlüsse verhindern.
So kann z.B. die Presseerklärung der Verwaltung vom 18. Juli diesen Jahres als
Hilferuf verstanden werden: "Nur unter Zurückstellung größter Bedenken hat
die Bezirksregierung Braunschweig den Haushalt 2003 der Stadt Göttingen genehmigt.
... Einen Haushalt 2004 ohne weitere Reduzierung der freiwilligen Ausgabenansätze
... werde man nicht akzeptieren... . ... Um ... Verbesserungen zu erreichen, bedürfe
es eines Haushaltskonsolidierungskonzeptes, das umfassend fortgeschrieben und
konsequent zur Ausgabeneinsparung in allen kommunalen Aufgabenbereichen umgesetzt
werden müsse. Die Fortsetzung der begonnenen Konsolidierungsmaßnahmen unter Nutzung
sämtlicher Einnahmequellen fordert die Bezirksregierung mit einem ausdrücklichen
Hinweis auf Kooperationspotentiale mit dem Landkreis ein. ... Auch die Veräußerung
städtischen Vermögens mache nur Sinn, wenn der strukturelle Haushaltsausgleich
oberste Priorität besitze. Andernfalls würden nur kurzfristige Entlastungen erreicht.
... Der Etat 2003 weist im Verwaltungshaushalt bei Einnahmen von 297,4 Mio. Euro
und Ausgaben von 463,8 Mio. Euro einen Sollfehlbedarf (inkl. des Fehlbetrags 2002)
von rund 166 Mio. Euro aus. ..."