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Corona

Siehe auch Texte von Februar 2020

Darin wurde eine Kritik an dem behördlichen Umgang mit der Coronavirus-Epidemie formuliert. Offensichtlich versuchte man Panik zu vermeiden mit falschen Beschönigungen und widersprüchlichen Äußerungen. Masken würden nichts nützen, Kontrollen an Flughäfen würden nichts nützen usw. . Die Verharmlosung durch Politiker*innen verspielte wichtiges Vertrauen. Man war schon einmal von der Pharmaindustrie getäuscht worden bei der Vogelgrippe 2006 , wo vom Staat unnötigerweise große Mengen an unnötiger Medizin eingekauft wurde. Gleichzeitg machte sich schon am Anfang nationalistische Hetze und Rassismus bemerkbar. Warum wurde in den ersten Wochen eine derart große Verbreitung in Kauf genommen? Ziel war angeblich "Zeit gewinnen" aber Zeit für was?

 

Günter J. Schäfer, Göttingen 17.11.21

Coronamaßnahmen spalten die links-alternative Szene

Plötzlich sind gute Bekannte, Freunde*innen Coronaleugner* / -skeptiker* / -rebellen / Querdenker* / / Impfgegner*innen / Verschwörungsphantasten* oder neutraler ausgedrückt „Maßnahmen-Gegner*innen geworden. Wie kam es zu dem trennenden Unverständnis und Streit zwischen Personen, die vorher gemeinsam als Teil einer linksalternativen Szene angesehen wurden?

Einige Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen starten die Corona-Verharmlosung

Eine kleine Minderheit der Ärzte*innen verbreitete zu Beginn der Pandemie Behauptungen über eine Ungefährlichkeit von Corona/Covid19. Es sei nicht mehr als eine Grippe, die Gegenmaßnahmen seien Panikmache und widersprächen einer freiheitlichen Demokratie. Besonders übers Internet, Facebook, YouTube verbreiteten sich Zitate aus solchen Äußerungen. Menschen, die gefühlsmäßig die Corona-Schutzmaßnahmen ablehnten, griffen solche Meinungen als „wissenschaftliche“ Bestätigung ihres Gefühls auf. Die wissenschaftlichen Widerlegungen solcher Behauptungen erreichten sie nicht, weil sie nicht allgemeinverständlich waren oder die Bildungsvoraussetzungen zum Verständnis fehlten. Als Ausweg diente die Behauptung, alle Widerlegungen seien lediglich Lügen der „Staatsmedien“ und „Mainstream-Medien“.

Februar/März 2020 meldete sich der Arzt Wolfgang Wodarg zu Wort. Er ist kein ausgewiesener Virologe aber er stellte seine sonstigen ehemaligen medizinischen Betätigungen (Sozialmedizin, Hygienearzt) heraus, um Glaubwürdigkeit zu erlangen. Er behauptete Covid19 sei eine Grippe, die Coronatests wären nutzlos, und Pharmaunternehmen würden Seuchen erfinden, um an den Impfungen Geld zu verdienen. Außerdem warnte er vor „den als Impfung verharmlosten gentechnischen Spritzen“ ohne detailliert auf die Funktionsweise der MRNA-Impfstoffe einzugehen. Der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Wodarg kandidierte bei der Bundestagswahl 2021 für die rechtsgerichtete Partei „Die Basis“, ein Sammelbecken für Coronaleugner.

Im August 2020 traten die Ärzte Olav Müller-Liebenau, Heiko Schöning und Walter Weber als „Ärzte für Aufklärung“ auf, weiß gekleidet bzw. in weißen Kitteln in einem YouTube-Video. Sie behaupteten, Schutzmasken hätten keinerlei Wirkung, PCR-Tests hätten keine Gültigkeit und bei einer Corona-Impfung würden Menschen „gentechnisch manipuliert“.

In Arztpraxen wurden von einigen Ärzt*innen falsche Atteste für eine Befreiung von der Maskenpflicht ausgestellt. Hiergegen erfolgten später in einigen Fällen zur Beweissicherung polizeiliche Hausdurchsuchungen – z.B. bei der Duderstädter Ärztin Carola Javid-Kistel. Auch gegen den HNO-Arzt und „Querdenker“-Aktivist Bodo Schiffmann ging die Staatsanwaltschaft vor, weil er Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht für Patienten ausgestellt habe, die er „zu keinem Zeitpunkt untersucht hat". Später, im Oktober 2021 gaben zwei Ärzte in Lüchow gar bekannt, dass sie keine geimpften Patienten mehr behandeln würden, woraufhin aber die Ärztekammer gegen die beiden einschritt.

Große Verbreitung fanden die Äußerungen des ehemaligen Professors Sucharit Bhakdi gegen die Corona-Schutzmaßnahmen. Speziell zu Coronaviren hatte er zwar nie geforscht oder etwas veröffentlicht, aber er wurde zur Gallionsfigur der Coronaleugner. Mit Hinweisen auf seine sonstigen medizinischen bzw. mikrobiologischen  Kenntnisse aus Tätigkeiten vor 2012 wurden seine Äußerungen von der Coronaleugner-Bewegung als die eines wissenschaftlichen Kronzeugen stark verbreitet. Die Reichweite von Bhakdis Äußerungen nahm extrem schädliche Ausmaße an. Seine Behauptungen, Corona sei nur eine Grippe und Impfen würde nichts nützen, verbreitete er in Videos, die auf YouTube häufig mehr als 1 Million Aufrufe hatten. Gleichzeitig erreichten auch seine Bücher ein großes Publikum, ein Buchtitel erreichte gar Bestsellerstatus. Inzwischen ist Bhakdi nach Thailand ausgewandert.


Werbung in der Einkaufsmeile Göttingens für
die Gallionsfiguren der Coronaleugner Bhakdi und Schiffmann.

Von Politik, Wissenschaft und Medien wurde versäumt, massiver und allgemeinverständlich aufklärend gegen Bhakdi, Wodarg, Schiffmann etc. in der Öffentlichkeit vorzugehen. Gegen die Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen, die ohne spezifisch virologische Expertise einer Verharmlosung des Corona-Virus das Wort redeten, wäre eine massive Gegen-Kampagne in ALLEN Medien notwendig gewesen.

 

Verdrängung der Angst als „Immunisierungs“-strategie

Die wissenschaftlich nicht haltbaren Behauptungen der Coronaleugner-Gallionsfiguren wurden bereitwillig in Bereichen aufgenommen, deren medizinische Ausrichtung stark durch die Kritik an der „Schulmedizin“ geprägt ist. Darunter viele Homöopath*innen und Heilpraktiker*innen sowie esoterische Heiler*innen, Anhänger*innen der Anthroposophie, z.B.  im Umkreis von Waldorfschulen und Demeter Bauernhöfen.

Berührung zwischen Alternativmedizin und Linken gab es bislang in der Kritik an der Pharmaindustrie. Einerseits gibt es gute Gründe, die Pharmaindustrie und konventionelle Medizin zu kritisieren, andererseits sind aber auch die Methoden von Anthroposophie, Homöopathie und Heilpraktikern in vielen Fällen fragwürdig. So verfügen sie oft über keine Alternative zur konventionellen Medizin bei notwendigen Behandlungen. Der Einfluß der anthroposophischen Weltanschaung in der Bewegung der Coronaleugner sollte daher nicht dazu benutzt werden, die konventionelle Medizin und Wissenschaft "heilig" zu sprechen und die Alternativmedizin für erledigt zu halten. Z.B. Mai Thi Nguyen-Kim, die sich viele Verdienste in der verständlichen wissenschaftlichen Aufklärung über Corona erworben hat, ging bei ihrer Buchpräsentation im Literaturherbst in Göttingen mit dem Hochhalten der konventionellen Wissenschaft z.B. zu unkritisch um. Die Auswahl der Wissenschaftsziele, die Auswahl der Forschungsfinanzierung, die Finanzierung der Studien, die gezielte Beeinflussung durch Sponsering bis hin zu Korruption müssten als Probleme mit berücksichtigt werden.

Ein zentrales Argument der Alternativmedizin zu Beginn der Pandemie war die Behauptung, natürliche Selbststärkung der Immunabwehr sei ausreichend als Schutz gegen Corona. Durch die Medikamente insbesondere Impfstoffe der konventionellen Medizin nehme man lediglich Gifte auf, die die Immunabwehr des Körpers nur noch zusätzlich schwächen.

Einen flankierenden Beitrag von der Psychoseite lieferte ein Heilpraktiker in Göttingen. Gedeckt durch das Heilpraktikergesetz darf er Psychotherapie anbieten obwohl er im Vergleich nur den minimalsten Bruchteil der Ausbildung eines psychologischen Psychotherapeuten vorweisen kann. Er trat als Ratgeber im Umgang mit der Angst vor Corona auf, verharmloste trotz vieler Todesfälle die Gefahr. Psychotherapie-Heilpraktiker die so agierten, stärkten die Coronaleugner-Bewegung bzw. die Ablehnung von Schutzmaßnahmen. Verunsicherten Menschen wurde in verunsicherter Lage ein Ausweg angeboten mit der Auffassung, die Angst sei völlig unnötig, ja – die Angst selbst sei schädlicher als ein angebliches Virus, Angst schwäche das Immunsystem und wer weniger Angst habe, sei deshalb besser vor einer Krankheit geschützt. Fröhlichkeit und Angstfreiheit würden so auch vor Corona schützen. Auch wenn eine ausgeglichene Psyche, Glück und Freude natürlich das Immunsystem unterstützen, war es doch unverantwortlich, so zu tun, als könne dadurch eine schwere Infektion mit dem Coronavirus verhindert werden.

Diese Auffassungen trafen auf Anhänger*innen alternativer Medizin und Lebensweise, die davon überzeugt sind, dass sie aufgrund ihrer eigenen individuellen, besonderen Stärke, gesunder Ernährung, Meditation, Yoga, Sport, Fitness usw. also ihrer besonders guten Bedingungen ein besseres Immunsystem als die Allgemeinheit haben. Die Vorstellung, dem derart gepflegten Körper einen "Giftstoff" mit einer Impfung zuzuführen, ließ etliche erschaudern. (..)

Die Überzeugung, dass die Einschränkungen des Lebens durch Schutzmaßnahmen gesundheitsgefährdender seien als die Gefahren einer Coronainfektion, führten bei einigen zu kuriosen Manifestationen. Mitten in der Pandemie tanzten Corona-Schutzmaßnahmen-Gegner*innen Polonaise auf einer Demo. Dem Vernehmen nach demonstrierten z.B. auch Mitglieder einer Tanzgruppe aus Göttingen ihren Widerstand gegen Schutzmaßnahmen, indem sie auf den Coronademos engen Paar-Tanz und damit die Ignorierung des Distanzgebotes vorführten.

Auf den Coronaleugnerdemos traten Leute in Erscheinung, die ganz im Sinne der Auffassung "Immun durch Freude" liebliche Lieder sangen, Herzchensymbole malten, Luftballons mitführten, mit Tanzeinlagen und Gesängen ihr Gemüt erheiterten. Bei einer Protestkundgebung von Gegner*innen der Coronaschutzmaßnahmen in Göttingen saßen ca. 30 Leute im Kreis auf dem zentralen Marktplatz, sangen zur Gitarrenbegleitung oder meditierten. Unter Beteiligung eines Homöopathen, der nicht nur eine Kampagne zur völligen Ablehnung von Antibiotika betreibt und die Existenz des AIDS-Virus bezweifelt, sondern auch, wie es aus einem seiner veröffentlichten Texte hervorgeht, mit dem ehemaligen Papst einig fühlt, weil der vermeintlich die Auffassung vertreten habe, es gäbe zu viel Wissenschaft und zu wenig Liebe.

Dass die Akzeptanz von Heilpraktikern und Alternativmedizin sowie Esoterik statistisch einen Anteil von 10 – 25 % in der Bevölkerung aufweist, erklärt, wieso die vorherbeschriebene Entwicklung sich schnell  über Zeitungen, Bücher, Internetseiten, Videos, YouTube-Kanäle, Facebook usw. ausbreitete. Einerseits durch Verbreitung der Äußerungen aus Ärztekreisen, andererseits durch die gegenseitige Verstärkung der User*innen mit Likes und Retweets im Netz, abgeschottet von den als "Mainstream-Medien" oft verächtlich abgelehnten, journalistisch professionellen Zeitungen, Radio- und TV-Sendungen.

Es gab Menschen, die durch das Hin und Her der Coronapolitik verwirrt waren, unter den Lockdownbelastungen litten und einfach nur Angst vor einer Erkrankung hatten. Sie leugneten vielleicht die Gefahr zunächst nicht, sondern waren durch die diffuse Gefahr überfordert. In ihrer Verunsicherung und Angst neigten sie dazu, die Coronaleugner-Propaganda aufzunehmen, um sich in die angenehme Vorstellung zu flüchten „Alles ist gar nicht so schlimm“. Auf den Demos der Maßnahmen-Gegner*innen nahmen auch Personen mit diesem Hintergrund teil. Auch sie trugen keine Schutzmasken und hielten keinen Abstand ein.

Nun befand sich die Polizei in folgendem Dilemma: Mit der gewaltsamen Durchsetzung von Maskenpflicht und Distanzgebot hätte die Gefahr einer Radikalisierung von eher neutralen, lediglich verängstigten Menschen bestanden. Andererseits würden bei Untätigkeit Infektionsgefahren in Kauf genommen. Schließlich nutzten in der gleichen Demonstration Rechtsradikale die polizeiliche Unentschlossenheit aus, um Absperrungen und Demonstrationsverbote zu durchbrechen.

Die Bilder von Demonstrationen bei denen massenhaft die Coronaschutzmaßnahmen ignoriert wurden standen im Widerspruch dazu, dass Menschen im Lockdown allgemein große Disziplin und Leidensfähigkeit abverlangt wurde. Beschäftigte in der Intensivmedizin, in der Pflege und im Rettungsdienst litten und leiden unter der Arbeitsbelastung. Schulkinder , Einzelhandelsbeschäftigte, usw. müssen stundenlang Masken tragen. Wenn dann zu sehen ist, wie tausende Leute einfach diese Vorsichtsmaßnahme verweigern, ohne in die Schranken gewiesen zu werden, dann ist das ein Impuls für all jene, die am Rande ihrer Belastbarkeit sind, sich auch mit einem befreienden Ignorieren der Einschränkungen zu entledigen.

Da die Polizei bei den ersten Demonstrationen nicht eingriff, konnte man in einigen Situationen den Eindruck haben, dass das Handeln der Polizei durch Sympathie für die Coronaleugner und eventuell gar die Rechtsradikalen bestimmt wurde. Dies würde Fälle erklären in denen Coronaleugner schonend behandelt, ihre Gegner*innen aber, die sich den mitmarschierenden Nazigruppen entgegenstellten geschlagen wurden.

Als die Polizei dann, auf politischen Druck hin Abstands- und Maskenpflicht durchsetzen wollte, wurden auch friedliebende Teilnehmer*innen in Mitleidenschaft gezogen, was propagandistisch ausgeschlachtet wurde und zur weiteren Mobilisierung gegen die „Coronadiktatur“ bzw. Radikalisierung der bislang friedlichen Demoteilnehmer*innen diente.

 

Vom Misstrauen zum Nebeneinander mit Nazis und Reichsbürgern*innen

Einerseits gab es unter Anhänger*innen der Anthroposophie bereits vor Corona eine Strömung der völkischen Landwirtschaft und nationalistische Tendenzen. Das, was als Misstrauen gegen Schulmedizin in der Heilpraktikerszene traditionell vorhanden war, konnte innerhalb links-alternativer Kreise auf Kapitalismuskritik an der Pharmaindustrie aufbauen und wurde zusätzlich gespeist durch Misstrauen gegen Politiker*innen, die als willfährige korrupte Handlanger der Pharmaunternehmen angesehen wurden. "Corona wird zum Geschäftsmodell der korrupten Wirtschaftselite. Sei mutig und erhebe dich gegen Medienmanipulation, Digital-, Pharma- und „Gesundheits“-Diktatur!"


Während einer Kundgebung von Maßnahmegegner*innen in Göttingen stand z.B. dieses Schild am Gänselieselbrunnen während Maßnahmen-Gegner*innen daneben meditierten.

Was hier mit linkem Vokabular formuliert war, blähte sich in der Folgezeit zu Verschwörungsphantasien auf. Dazu gehörten die, aus den USA herüberschwappenden Q-Anons-Phantasien oder der völlig abgedrehten Reptiloiden-Wahn. Auf diese abgedrehten Strömungen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Sie haben für die vorliegende Betrachtung keine besondere Bedeutung, weil sie innerhalb der links-alternativen Szene wenig bis gar keinen Einfluß hatten. Ihr rassistischer impact kann allerdings zusätzlich dazu dienen, die rechtsradikalen Elemente der Verschwörungs-Phantasten zu kennzeichnen. Auch sie mündeten in eine Bewegung, die ihren Widerstand gegen Coronaschutzmaßnahmen mit Misstrauen und Widerstand gegen den Staat verbanden.

In Göttingen wurde das Zeichen „Q“ sowohl auf die Gedenksteine der Nobelpreisträger im Stadtfriedhof als auch auf die Tür einer afrikanischen Hilfsorganisation gesprüht.


In Göttingen wurde "Q" als Zeichen der Q-Anons
auf die Tür einer afrikanischen Hilfsorganisation gesprüht

Das gemeinsame Auftreten von Homöopathie/Esoterik-Anhänger*innen und nationalistischer Gesinnung verdeutlichte eine Situation in Göttingen wo das Plakat einer Coronarebellen-Kundgebung die Aufschrift trug: „Meditation für das Grundgesetz“ und bei mehreren Veranstaltungen stets eine Person in der Nähe dabei stand mit der großen Aufschrift „Freiwild“ auf dem Rücken seiner Jacke, offensichtlich ein Anhänger der Deutsch-Rock-Gruppe „Freiwild“ aus Südtirol, bekannt für völkisch nationalistische Orientierung.



"Coronarebellen" 2020 beim Meditieren und Singen auf dem Marktplatz in Göttingen. Bei mehreren Veranstaltungen dabei: ein Anhänger der rechtslastigen Südtiroler Band "Freiwild"

Schon früh, als auf die Entdeckung eines Impfstoffes erst noch gehofft wurde, kam aus der Heilpraktiker-, Homöopathen- und Esoterikerszene ein per E-Mail verbreiteter Aufruf an die Parlamentarier*innen des Bundestages. Dabei wandte man sich unterschiedslos gleichlautend auch hoffnungsvoll an die AfD mit der Bitte, die Coronapolitik zu stoppen.

Aktueller Nachtrag nach Fertigstellung dieses Textes: Am 16.11.21 berichtet Oliver Nachtwey bei einem Interview im Deutschlandfunk davon, dass bei einer Untersuchung herauskam, dass in den Telegram-Gruppen der Maßnahmengegner*innen zunächst eher linke Orientierungen und Grüne-Wähler*innen vorherrschten, später ungefähr ein Drittel zur Wahl der AfD tendierten.

Die Bewegung der Maßnahmengegner*innen zeigte immer wieder Anschlußmöglichkeiten für alte und neue Nazis, die gegen die „Merkeldiktatur“ den Umsturz zu propagierten, was schließlich zu schwarz-weiß-roten Fahnen der Reichsbürger auf den Stufen des Parlamentsgebäudes führte.

Es ist ein makabrer Zynismus der Zeitgeschichte, wenn Faschisten, Rassisten und Reichsbürger mit Althippies, Homöopathen, Psychotherapie-Heilpraktikern, Verschwörungsspinnern gemeinsam auf die Straße gehen und dabei nebeneinander Freiheit, Liebe, Erhalt des Grundgesetzes und „keine Diktatur“ fordern. Wenn vermeintlich harmlose Demoteilnehmer*innen auf das gemeinsame Demonstrieren mit Nazis angesprochen wurden, antworteten einige: "ist doch egal, Hauptsache, die sind auch dagegen".

Dass anthroposophisch, alternativmedizinisch Gläubige, die in gemeinsamen sozialen Szenen, z.B. soziokulturellen Zentren, mit Linken und Antifaschist*innen „zuhause“ waren, nun plötzlich mit Nazigruppierungen gemeinsam demonstrierten, das ließ das Gefühl einer Friede-Freude-Eierkuchen-Szene verfliegen. Für viele persönliche Beziehungen war dies dann oft der letzte Anstoß für eine Distanzierung oder gar den vollständigen Bruch.

Vielfach kam es in persönlichen Bezeihungen auch schon zum Bruch wenn mit individualistisch egoistischer Haltung keine Einsicht in die Notwendigkeit einer kollektiven Schutzstrategie gezeigt wurde. Die Frage wird zukünftig sein, welche Personen mit Tunnelblick sich gegen Informationen abschotten, die nicht zu ihrer Meinung passen und bei welchen eine verständnisvolle Diskussion in gegenseitigem Respekt zu einer Wiederannäherung führen kann.

„Kampf gegen Diktatur“ in Ostdeutschland

Aus einer anderen Ecke wurde der „Kampf gegen Diktatur“, für Demokratie und Freiheitsrechte okkupiert und für einen Kampf gegen Coronamaßnahmen umgebogen. Ehemalige DDR-Bürger*innen speisten ihr Misstrauen gegenüber den Coronamaßnahmen aus den Erfahrungen mit einem Spitzelsystem und Überwachungsstaat. Sie hatten die Auflösung und Integration in die BRD als Erlangung individueller Freiheit empfunden, witterten in den verordneten Schutzmaßnahmen Einschränkungen, die sie mit der DDR-Auflösung abgeschüttelt glaubten. Auf den Coronademos tauchten folglich wieder Parolen aus den Protesten am Ende der DDR auf: „Wir sind das Volk“. Die Coronaschutzmaßnahmen wurden als „Weg in die Diktatur“ und der Widerstand dagegen als Kampf für die Freiheit bezeichnet. Coronaleugner skandierten auf einer Demo in Berlin „Freiheit, keine Diktatur“

Sebastian Pflugbeil Physiker, Gründungsmitglied „Neues Forum“, wird Ende 2020 in einem Aufruf zur Coronadiskussion in der Zeitung „Freitag“ zitiert: „Vielleicht sind Bürger, die unter der Diktatur des Proletariats aufgewachsen sind und sich im Herbst 1989 mit der Obrigkeit angelegt haben, etwas empfindlich. (…) Das waren die freiesten Wochen meines Lebens. Wir pochten auf die Verfassung: Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Freizügigkeit, Post- und Fernmeldegeheimnis, Unverletzlichkeit der Wohnung. (…) Verdammt noch mal – wo sind wir heute gelandet! (Zitiert nach Manifest in freitag )

Absurderweise wurde beim Kampf gegen die vermeintliche „Corona-Diktatur“ gemeinsam mit Nazis demonstriert, die noch heute die schlimmste Diktatur der deutschen Geschichte verherrlichen und die Abschaffung der parlamentarischen Demokratie anstreben.

 

Wirtschaftliche Interessen drängen zum Widerstand gegen die Schutzmaßnahmen

Die großen Demonstrationen der Maßnahmengegner*innen ermunterten weitere Bevölkerungsteile, die in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht waren, zum Protest. In Göttingen hing 2020 früh am zentralen Marktplatz über einem Eiscafé eine Tafel, mit der die Warnungen vor Corona als Panikmache bezeichnet wurden. Eiscafés waren wie sonstige Gastronomie von Schließung bedroht.


Während 2020 in Italien viele Menschen an Corona starben wurde an der Fassade eines Eiscafés im Besitz einer Italienerin in Göttingen eine große Tafel aufgehängt, die das Coronageschehen zu verharmlosen suchte.

Menschen, die aufgrund des Lockdowns ihr Geschäft im Einzelhandel und der Gastronomie nicht öffnen konnten, ihren Beruf nicht ausüben konnten oder in Kurzarbeit Lohn/Gehaltsabschläge hinnehmen mussten sowie der ganze Kulturbereich, insbesondere aber Soloselbständige und Künstler*innen wurden durch die Coronaschutzmaßnahmen existentiell gefährdet. In solch einer Situation neigen die Betroffenen leicht dazu, die Bedenken bzgl. der Coronagefahren über Bord zu werfen (falls sie überhaupt welche gehabt haben) und Widerstand gegen die Coronaschutzmaßnahmen zu entwickeln.

Als ein Beispiel hierfür sei ein Hamburger Metal-Club angeführt, von dem sich nach dessen Äußerungen die übrige Kulturszene distanziert hat. Zitiert nach groove.de 17.3.21

Die beiden Hamburger Kiezläden Docks und Große Freiheit 36 haben ihre Türen bereits 2020 mit Corona-Verschwörungsplakaten behängt und damit viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Vergangene Woche hing laut Hamburger Morgenpost erneut ein fragwürdiges Plakat am Eingang des Docks. Auf dem Poster war zu lesen: „Stopp Lockdown: Bewaffnet euch mit Wissen“. Darunter waren verschiedene Links aufgelistet, die auf Internetseiten bekannter Corona-Verschwörer führten, unter anderem zu Ken.FM. Diese sollen teilweise Kontakte in die rechtsextreme Szene unterhalten.

Dies führte zu einer Auseinandersetzung innerhalb der Kulturszene. Der Anschluss an die Coronaleugner wurde kritisiert:

In der Erklärung von FKP Scorpio heißt es: „In einer Zeit, in der unsere Branche zusammenstehen sollte, und in der sich unzählige Menschen nach der verbindenden Kraft von Live-Kultur sehnen, sucht ihr anscheinend den Schulterschluss mit Schwurblern, Verschwörern und jenen, die keinen Widerspruch darin sehen, neben Nazis für Demokratie zu demonstrieren. Das können und werden wir nicht länger akzeptieren. Veranstaltungen unter eurem Dach kommen unter diesen Bedingungen für uns nicht infrage – den daraus entstehenden Schaden für alle Gäste und den Kulturstandort der weltoffenen Stadt Hamburg werden wir dafür in Kauf nehmen.” Nach der Kritik in den sozialen Medien wurde das Plakat vor dem Docks entfernt – die Große Freiheit 36 bleibt weiterhin mit Verschwörungsplakaten beklebt.

Viele Soloselbständige aus dem Kulturbereich haben sich mit Einsicht und Resignation an die Regeln der Schutzmaßnahmen gehalten, obwohl ihre Existenzgrundlage weggebrochen war. Umso ärgerlicher, dass gerade diejenigen 50 Schauspieler*innen und Regisseure (u.a. Volker Bruch Ulrich Tukur, Jan J. Liefers , Meret Becker, Heike Makatsch, Ulrike Folkerts, Nina Proll und andere), die gut im Geschäft sind, sich hinreißen ließen, mit der Videoproduktion #allesdichtmachen eine Ironisierungs- und Verarschungskampagne gegen die Schutzmaßnahmen zu starten. Nachdem AfD und Querdenker das Video bejubelten und ein Shitstorm gegen diese Videos ausbrach, zogen einige ihr Video zurück oder entschuldigten sich. Andere wie Tukur und Bruch, der als Hauptinitiator gilt, blieben beinhart dabei. (Siehe Liste )

Einen flankierenden Schutz für Maßnahmen-Verweiger*innen versuchten Freitag,  Russia Today RT und die FDP-nahe Friedrich Nauman Stiftung mit dem „Manifest der offenen Gesellschaft“ zu befördern. Kulturschaffende und Wissenschaftler*innen warben für Toleranz auch gegenüber den Argumenten der rechts durchsetzten Coronaleugnerbewegung. Gleichzeitig forderten sie, dass Kritik an den Maßnahmen nicht in die rechtsradikale Ecke geschoben werden dürfe. Dabei vermieden sie es aber, eine Grenze zur „rechtsradikalen Ecke“ bzw. deren Argumenten zu ziehen. Im Manifest finden sich u.a. folgende Statements:

  • Nicht jeder, der sich kritisch zu den Corona-Maßnahmen äußert, ist ein „Aluhut“, Reichsbürger oder „rechts“.
  • „Je länger die Pandemie andauert, desto dringlicher wird die Frage, welche Einschränkungen unserer grundlegenden Freiheiten wir für das Ziel ihrer Bekämpfung weiter in Kauf nehmen wollen, wo überhaupt die Grenze zwischen staatlicher und individueller Gesundheitsverantwortung künftig verlaufen soll und mit welchem Risiko wir als Gesellschaft insgesamt zu leben bereit sind.“
  •  „Ein einzelnes Virus darf nicht dazu führen systematisch Grund-, Freiheits- und Menschenrechte auszuhebeln, Menschen panisch oder depressiv zu machen und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gefährden. Es ist grundsätzlich nicht Aufgabe des Staates für die Gesundheit des Einzelnen zu sorgen. Staatliche Fürsorge wird schnell zu staatlicher Bevormundung mit Zwang und Gewalt. Die Grundfreiheiten auf Krankheit und auf Ableben garantieren dem Einzelnen jedoch ein hohes Maß an Autonomie.“

Linke und rechte Russlandfreunde gemeinsam bei der Verharmlosung der Corona-Pandemie

Aus Russland kam eine propagandistische und publizistische Unterstützung der Coronaleugner-Querdenker-Verschwörungsphantasierer-AfD-Allianz. Insbesondere über die von der russischen Regierung finanzierte Webseite RTdeutsch (vorher "Russia Today") und des entsprechenden You Tube Kanals. Artikelüberschriften RT (de.rt.com) am 17.11.21: "Pfizer, BioNTech und Moderna verdienen 1000 US-Dollar pro Sekunde mit Covid-19-Impfstoff" / "Die nächste Stufe des Wahns: 3 G im Nahverkehr" / Tod nach Impfung: Verdachtsfälle werden kaum genau untersucht" / "Whistleblower: Gefälschte Daten in Pfizer-Zulassungsstudie". Da der RT-YouTube Kanal gesperrt wurde ist RT Deutsch jetzt auf Telegram umgezogen - dem Haupt-Messengermedium von Coronaleugnern und Rechtsradikalen, der in Russland entwickelt wurde.

Die AfD hatte schon vor der Coronakrise eine befürwortende Haltung zur russischen Regierungspolitik und gleichzeitig viele Anhänger*innen unter den Russlanddeutschen hierzulande. AfD Politiker*innen erhielten zu Wahlkampfzeiten werbewirksame Einladungen aus Russland bzw. offiziellen russischen Stellen. Im Gegenzug war die Befürwortung russischer Politik durch die AfD zu beobachten. In Russland bleibt das nicht ohne Kritik. Parteiinterne Kritiker weisen darauf hin, dass mit der Unterstützung rechter Kräfte in Deutschland die Befürworter der früheren Nazidiktatur gestärkt würden, die mit dem Krieg unendliches Leid über Russland gebracht habe.

Bei Ausbruch der Coronapandemie versuchten einige AfD Bundestagsabgeordnete zunächst den Schutz vor Corona durch Grenzschließungen zu propagieren, weil das zu ihrer Abschottung gegen Flüchtlinge passte. Später entwickelte sich dann der ganze AfD-Laden zu einem Coronaleugnerverein, der versuchte, sich an den Unmut der Maßnahmengegner*innen anzudocken. Damit befand sich die AfD wieder im Gleichklang mit Russland, Russia today und KenFM.

Bei KenFM tauchten auch gelegentlich Autoren des Online-Magazins „Nachdenkseiten“ auf. KenFM-Betreiber Ken Jebsen (Kayvan Soufi-Siavash) hatte mit dem Video über eine Verschwörung von Bill Gates die Massen erreicht und in der Folge immer wieder Maßnahmengegner*innen in mit Videos unterstützt. Der Gleichklang von KenFM und Nachdenkseiten besteht auch im spürbaren Russland-Drall der Nachdenkseiten. Sie nehmen im Grenzkonflikt Polen/Belarus das Vorgehen von Belarus in Schutz und spotten im Fall Nordstream2 über die Transatlantiker, die zusehen müssten, wie Deutschland mit Russland wirtschaftlich zusammenarbeitet, ohne dass die USA etwas dagegen tun könnten. Entsprechende Artikel stammen von Tobias Riegel, der auch bzgl. der Kritik an den Corona-Schutzmaßnahmen auf Linie ist, die Coronaleugner/Querdenker als „Andersdenkende“ in Schutz nimmt, die Kritik an Maßnahmengegner*innen hingegen „Hetze“ nennt.

Es überrascht nicht, dass Sahra Wagenknecht in den Nachdenkseiten Raum gegeben wird und der Nachdenkseiten-Herausgeber Albrecht Müller (ehemaliger SPD-Politiker) schreibt: „Sahra Wagenknecht betreibt richtige Aufklärung mit vielen Fakten“. Wagenknecht und LaFontaine, die immer noch Mitglieder der Partei DieLinke sind, nutzen ihre Medienreichweite, um Kritik an den Coronamaßnahmen und die Freiheit zur Impfverweigerung zu propagieren. Währenddessen fordert die Vorsitzende von DIE LINKE „Ausreichend Tests, eine höhere Impfquote, verbindliche Auflagen für Unternehmen und eine Sicherstellung der Kontaktnachverfolgung.“

Wolf Wetzel kritisiert in den Nachdenkseiten die Partei DieLinke, weil sie nicht die Querdenker unterstützt hat: „DIE LINKE bestand aus weitgehendster Zustimmung zu den Corona-Maßnahmen, bei gleichzeitiger Diffamierung derer, die die Corona-Maßnahmen kritisierten. Der politische Gegner war nicht die Bundesregierung, sondern es waren die „Querdenker“, also jene, die das machten, was eigentlich zum Wesenskern einer Linken gehört: Die Verteidigung von Grund- und Schutzrechten. (…) Es gibt eine Partei, die sich im Zuge der Coronapolitik gegründet hat und die Unzufriedenheit auf ihre Weise zum Ausdruck gebracht hat. Sie nennt sich „dieBasis“ und ist im Umfeld der Querdenker zuhause. Sie bekam 630.000 (Zweit-)Stimmen.“

Bei seiner Präsentation der Partei „DieBasis“ als Beispiel für erfolgreiche Coronapolitik stört es Wetzel offensichtlich nicht, dass dieBasis ein Sammelbecken für Coronaleugner*innen mit Rechtsdrall ist.

 

Conclusio

Eine Viruserkrankung die tödlich enden kann, ist eine Bedrohung, die Angst macht. Es ist eine existentielle Frage, wie man sich angesichts dessen verhält. Mangelnde Informationen, Unsicherheiten, sowie fehlendes Vertrauen in eine klare Handlungsleitlinie von Wissenschaft und Politik bilden verschiedene Umgehensweisen heraus, die aufgrund der wissenschaftlichen Komplexität des Themas nicht so einfach durch gesellschaftlichen Diskurs zusammengeführt werden können. Da sich die verschiedenen Umgehensweisen nicht gleichgültig nebeneinander ertragen lassen, sondern meist diametral widersprechen, entsteht unversöhnliche Distanz. Nur dort wo man sich auf ein Diskussionsverfahren und die Gültigkeit bestimmter Fakten verständigen kann, könnte Annäherung erzielt werden. Dies scheitert an der Komplexität des Themas und mangelnder wissenschaftlicher Bildung aller Beteiligten. So bleibt es in vielen Fällen ein Glaubenskrieg von jeweils Halbinformierten mit Tunnelblick. Von wem man sich im Endeffekt dauerhaft abwendet, sollte sorgsam aber erst entschieden werden, wenn man die gesamte Person betrachtet und sie nicht nur an ihrer Haltung zur Coronapandemie beurteilt. Darüber hinaus müssen auch die sehr unterschiedlichen Gründe z.B. für die Ablehnung einer Impfung beachtet werden; so könnten gesundheitliche Gründe, z.B. Immunerkrankungen vorliegen. Und bei der Ausgrenzung von Impfgegner*innen sollte zumindest die Beurteilung von Drosten berücksichtigt werden, der sagt, es sei keine Pandemie der Ungeimpften sondern eine Pandemie von allen, denn auch Geimpfte könnten das Virus weitertragen.

 

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Nachtrag 7.12.21

Die Verantwortung jedes einzelnen für die Gesundheit aller anderen ergibt sich im Falle der Coronapandemie u.a. aus folgenden Überlegungen.

Wenn durch kollektives Handeln die Verbreitung des Virus nicht eingeschränkt wird, dann lässt sich nicht verhindern, dass jede/r irgendwann infiziert wird. Wer infiziert wird, kann entweder, bei einem milden Verlauf ohne Probleme danach mehr oder weniger immun sein, kann aber auch bei einem schweren Verlauf, jämmerlich am Beatmungsgerät sterben oder kann nach einem überwundenen schweren Verlauf mit Long-Covid große gesundheitliche Beeinträchtigungen erfahren.

Je länger die Pandemie andauert, umso höher ist das Risiko für jede/n irgendwann damit infiziert zu werden. Das bedeutet für die, jeweils nach dem Durchlauf einer Welle verbliebenen Ungeimpften, ein ständig steigendes Risiko, bei der nächsten Welle zu erkranken. Ausserdem erhöht sich mit dem Fortdauern der Pandemie auch die Wahrscheinlichkeit von immer wieder auftretenden Impfdurchbrüchen (infolge von Immunisierungsproblemen wie z.B. verzögerten Auffrischimpfungen etc)

Je länger die Pandemie dauert, umso höher wird das Risiko für das Kollektiv, denn je länger die Zeit dauert in das Virus sich verbreiten kann, desto wahrscheinlicher sind Mutationen. Mutationen stellen eine neue Gefahr dar, wenn die bisherigen Impfstoffe nicht gegen das neue Virus wirken. An dieser Stelle ist allerdings auch der nationale Egoismus der Impfstoff besitzenden Nationen zu beklagen, der ärmere Länder einer ungebremsten Durchseuchung aussetzt und lieber Millionen Impfdosen Astra Zeneca verfallen lässt als sie zu verschenken! Das Beispiel Omikron zeigt, wie aus einem Land mit geringer Impfquote dann eine Mutation auch in die Länder mit hoher Impfquote gelangt.

Jemand, der keinerlei Symptome verspürt, kann dennoch eine Viruslast mit sich tragen, die andere anstecken kann. Diese Viruslast ist zwar sehr viel geringer bei geimpften Personen mit genügend Antikörpern, es kann aber dennoch zu Ansteckungen von anderen Geimpften und erst recht von Ungeimpften kommen. Dadurch wird zur Verbreitung des Virus und zur Verlängerung der Pandemie beigetragen. Deshalb ist trotz Impfung das Testen sinnvoll. Ebenso ist trotz Impfung eine Maske sinnvoll beim Zusammentreffen auf engem Raum oder gar in Innenräumen. Hier beginnt die Verantwortlichkeit auch von Geimpften weiterhin zum Schutz beizutragen.

Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob  man die Eindämmung der Corona-Infektionen als gesellschaftliche, d.h. kollektive Aufgabe begreift oder hier fälschlicherweise auf das Recht zur individuellen Entscheidung pocht. Solange das Individuum auf vielfältige Weise innerhalb eines Kollektivs mit anderen Individuen unweigerlich in Verbindung kommt, so lange existiert auch eine Verantwortung für das Kollektiv, die erst erlischt, wenn sich das Individuum allein oder mit anderen vom Kollektiv trennt.

Das falsche Verhalten von Mitgliedern des Kollektivs gefährdet sie selbst aber auch alle anderen. Die Mehrheit des Kollektivs darf sich deshalb gegen diejenigen wehren, die durch eine leichtfertige (nicht einer medizinisch begründeten) Verweigerung gegenüber Schutzmaßnahmen alle gefährden.