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Konflikte im Einzelhandel

Mehr Brutto bei Netto !
Contigo: "Fair-Trade"ohne Betriebsrat und ohne Tarifvertrag ? Nicht die Bohne fair ?
> Lidl Gemeinsame Aktion von attac und verdi

Erneut Aktionen gegen Lebensmittelkette "Netto" des Edeka-Konzerns

8.10.11 / Nach der Aktion in Göttingen protestierten nun am 8.10.11 auch in Gandersheim "mehr als 100 ver.di Mitglieder, Politiker/innen und Unterstützer/innen" (pm, verdi) an Protesten gegen die beiden EDEKA- Unternehmen Netto und E- Center. Namentlich erwähnt verdi Mdb Dr. Wilhelm Prießmeyer (SPD, Tierarzt aus Dassel) , Carlo Bleichert (Partei DieLinke, Ratsherr in Bad Gandersheim und den Vorsitzenden der SPD-Ratsfraktion in Gandersheim Jürgen Steinhoff. Die Versammlungen forderten Einhaltung der Bezahlung nach Tarif und Einhaltung der Arbeitsschutzgesetze. Mit Trommeln und Saxophon ging der Protestzug ins E-Center und die Bad Gandersheimer Netto-Filiale. Anschließend ging es nach Einbeck zu Netto und dort, so berichtet Verdi, "kam es zu einem für ver.di empörenden Zwischenfall: EDEKA hatte die Polizei eingeschaltet und kurzerhand „allen ver.di Leuten“ ein bundesweites Hausverbot erteilt." Weiter heisst es in der Pressemitteilung von verdi: "Die ver.di Kolleg/innen entschlossen sich, ihren Protest vor der Netto Filiale in Göttingen, Güterbahnhofstraße erneut zum Ausdruck zu bringen. Die ebenfalls anwesende Polizei wies die Netto –Kolleg/innen auf Anweisung des Netto Managements an, das Gelände nicht zu betreten."

Fakten, nach einer Zusammenstellung der verdi-Mitarbeiterin Katharina Wesenik / Göttingen
EDEKA beschäftigte 2010 mehr als 300.000 Mitarbeiter/innen. 129 000 davon arbeiten in den Märkten 4500 selbstständige EDEKA-Einzelhändler selbstständiger Kaufleute. Meist ohne Tarifbindung. 72 000 bei Netto Formal mit Tarifbindung, de fakto oft ohne. Edeka machte 2010 einen Umsatz von 43,5 Milliarden Euro !
Das E-Center ist eine Firmenausgründung zum Zwecke der Lohndrückerei. Bis März 2011 gehört das Gandersheimer E- Center zur Edeka, die Beschäftigten sind direkte Angestellte bei der "Mutter Edeka", welche tarifgebunden ist. April 2011 übernimmt Dirk Scheuner das E-Center in Bad Gandersheim als selbständiger Kaufmann, Die Mehrheit der 50 Beschäftigten fordert, einen Anerkennungstarifvertrag mit ver.di abzuschließen (direkte Bindung an die ver.di Tarifverträge des Einzelhandels in Niedersachsen- Bremen über Lohn- und Gehalt, Tarifverträge über Urlaubsgeld, Sonderzuwendung und Entgeltfortzahlung, über Elternurlaub über vermögenswirksame Leistungen, über Vorsorgeleistung, über Lohn- und Gehalt). Hr. Scheuner lehnt ab. Scheuner legt dem Betriebsrat September 2011 eine Neueinstellung vor, die 300 Euro UNTER Tarif verdienen soll. Der Betriebsrat lehnt ab ver.di erklärt die Verhandlungen als gescheitert.

In Göttingen unterstützte sie der Landtagsabgeordnete der Partei DieLinke Patrick Humke mit solidarischen Grüßen der Landtags- und Bundestagsfraktion. Patrick Humke ist Sozialexperte der Landtagsfraktion und Ansprechpartner für die Beschäftigten der netto-Filiale in der Prinzenstraße/Göttingen. Er fordert die netto-Kunden auf, sich mit den Beschäftigten zu solidarisieren In einer Pressemitteilung nimmt Humke zu den Vorfällen in der Göttinger Nettofiliale Stellung:
"Vor der Göttinger ‚netto‘ Filiale in der Güterbahnhofsstraße wurde den protestierenden Gewerkschaftern auf Initiative des netto-Verkaufsleiters ein Haus- und Platzverbot erteilt, das von der Polizei durchgesetzt worden sei. „Ich verurteile diesen Bruch des Streikrechts auf das Schärfste. Es ist gerichtlich eindeutig festgestellt worden, dass streikbegleitende Maßnahmen wie die heute stattgefundene erfolgreiche ‚Flashmobaktion‘ rechtens sind. Die Gewerkschafter haben völlig zu recht auf die Forderungen der aktuellen Tarifauseinandersetzung hingewiesen. Keinem Kunden sei der Zugang zum Laden verwehrt worden. Dieser Bruch des grundgesetzlich garantierten Streikrechts wird ein juristisches Nachspiel haben“."

Siehe auch den >>Artikel bei Monsters of Göttingen
und den >>Bericht der Sendung Frontal im ZDF vom 14.6.2011

 

Mehr Brutto bei Netto !

Beschäftigte fordern Bezahlung von Überstunden, Einhaltung der Pausenzeiten und den Schutz ihrer Gesundheit.

Am 14. Mai fand vor der Netto-Filiale in der Prinzenstraße eine Kundgebung statt in der gegen die Arbeitsbedingungen in den Filialen des Einzelhandelskonzerns protestiert wurde.

Netto verzeichnete im vergangenen Jahr erhebliche Gewinne und strebt aktuell die Marktführerschaft im Einzelhandel an

„Wir werden es nicht länger widerspruchslos hinnehmen, dass wir tagtäglich teilweise mehrere Stunden lang unentgeltlich arbeiten müssen.“ Auch mit den unerträglichen Zuständen an den Kassen wollen sich die MitarbeiterInnen nicht mehr abfinden: „Durch die bisher verwendeten Stühle habe ich ständig Rückenschmerzen, den anderen Kolleginnen geht es genauso“ schildert eine Fatima K. ihre Situation. Die KollegInnen fordern dementsprechend ergonomische Kassierstühle.

Die Betroffenen beklagen, dass die Arbeitszeit teilweise nicht entlohnt wird, Pausen nicht gewährt werden und nicht einmal geeignete Stühle für die belastende Arbeit an den Kassen angeschafft würden. Der Führungsstil wurde als "Mobbing durch Vorgesetzte" bezeichnet, der in allen Filialen anscheinend systematisch eingesetzt werde um das Personal anzutreiben und die Beschäftigten psychisch belastet. Systematisch wird den Mitarbeiterinnen in den einzelnen Filialen auch ein Teil des ihnen zustehenden Lohns vorenthalten, indem die Arbeitszeit vor und nach Ladenschluss nicht bezahlt wird.

In rührenden Gesten wurde wurden den anwesenden Netto-Beschäftigten Blumen (von der Gruppe "Schöner Leben") und Kuchen überreicht und herzliche Unterstützung zugesagt.

Erstaunlich viele Mandatsträger von den Grünen, der Partei DieLinke und der SPD , darunter der OB, unterstützten die Protestversammlung. Ebenso gab es unterstützende Worte von Verdi-KollegInnen aus dem Uniklinikum, der Buchhandlung Calvör und anderen. So waren z.B. auch etliche dabei, die kurz vorher noch Blockadentraining auf dem Marktplatz mitgemacht hatten.

(Anmerkung: Dieser letzte Absatz wurde verändert und alle Namen wurden entfernt, weil offensichtlich im Vorfieber der Kommunalwahl auf die Heraushebung der anwesenden Promis von mehreren Email-SchreiberInnen besonderen Wert gelegt wurde - es geht aber um die Konzentration auf die Sache der Netto-Beschäftigten)

 

Contigo: Nicht die Bohne fair

Der Laden "Contigo" in der Langen Geismar Str. macht Werbung mit dem Label "fair-trade". Leute, die dort einkaufen, glauben folglich, dass der Laden im Sinne der Eine-Welt-Bewegung Fairneß beim Handel mit Ländern Südamerikas, Asien und Afrika etc. an den Tag legt. Die Zentrale für die Contigoläden in Bremen und anderen Städten ist die CONTIGO Fairtrade GmbH in Göttingen. Sie verwaltet die eigenen Filialen, betreut die Franchise-Läden und beliefert Weltläden. Der jährliche Gesamtumsatz der "Contigo Fair Trade Group" betrug laut Weltladen-Dachverband-Bericht 2007 2,532 Millionen Euro .

Contigo Verkaufsladen in der Innenstadt Göttingens

In der Robert-Bosch-Breite befinden sich ausgedehnte Lager für die bundesweite Belieferung von Filialen, Franchise-NehmerInnen und Weltläden.

Wer mit dem Etikett "Fairer Handel" Kunden anlockt, muß besondere Ansprüche auch in Punkto Fairneß gegenüber den eigenen Arbeitskräften genügen. Genau in diesem Punkt ist Contigo bzw. der Inhaber Ingo Herbst aus Göttingen in die Kritik geraten. Die taz vom 30.10.09 berichtete :

"eine Reihe von Herbsts Ex-Angestellten wandten sich an die Gewerkschaft Ver.di und die taz und (...) werfen Contigo vor allem vor, das Verkaufspersonal durch eine informelle Ausgleichsregelung zum Verzicht auf Urlaubs- und Lohnfortzahlungsansprüche zu drängen."

Andere ehemalige Beschäftigte berichten laut taz

"Den Verkauf erledigen bei Contigo fast ausschließlich geringfügig Beschäftigte oder Werkstudenten. "Die gesetzlich vorgeschriebene Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder Urlaub - das gab es für uns nie," "Wenn ich einen gelben Schein eingereicht hätte, dann hätte ich sofort gehen können. Es war einfach klar, dass man rausfliegt, wenn man das einfordert." Sämtliche Krankheitsfälle seien "immer nur mit freien Tagen geregelt" worden. "Da wurde dann getauscht und später mehr gearbeitet", taz vom 14.10.09

Der geschäftsführende Inhaber der Contigo GmbH, Ingo Herbst verweist auf informelle Regelungen, die von den Teams ausgehandelt werden könnten. Die taz zitiert dazu den gewerkschatlichen Betreuer bei Ver.di Richard Schmid, der die informelle Übereinkunft bei Contigo für "dummes Zeug" hält. Das ändere "nichts an den Ansprüchen von Arbeitnehmern. Keine Lohnfortzahlung, kein Urlaub - das ist ungesetzlich", taz vom 14.10.09

Ende 2008 wollte die Göttinger Zentrale die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse in den Bremer Filialen abschaffen und in Arbeitsverträge für WerkstudentInnen umwandeln. Die Verkäuferinnen, so die taz, sollten "weiterhin auf Urlaub und Lohnfortzahlung verzichten". Ingo Herbst zeigte sich der taz zufolge empört, denn eine Mitarbeiterin habe

"allen Ernstes geäußert, dass sie lieber die Lohnfortzahlung und Urlaubszeiten haben möchte". In einer Rundmail habe er geschrieben "Jeder bezahlte Krankheitstag, Urlaubstag drückt auf das Ergebnis." Dies sei "ein Fall für die gelb-rote Karte". Drei Verkäuferinnen, die sich in Bremen gegen eine Kündigung durch die Contigo GmbH wehrten meinten laut Taz vom 20.10.09 dazu: "Unter anderem werde das geringfügig oder als WerkstudentInnen beschäftigte Verkaufspersonal durch eine informelle Ausgleichsregelung zum Verzicht auf Urlaubs- und Lohnfortzahlungsansprüche gedrängt."

Als Reaktion auf die Berichterstattung der taz wurde dann ein Brief aus der Göttinger Zentrale präsentiert, in dem die MitarbeiterInnen unterschrieben haben, dass sie zufrieden seien. Das Göttinger Tageblatt gab dem Geschäftsführer Gelegenheit, in aller Breite seine Sicht der Dinge zu äussern. In diesem Zusammenhang soll er laut GT-online vom 30.10.09 im Interview mit Hanne-Dore Schumacher / Ressortleiter Regionale Wirtschaft)gesagt haben: "Es gab ganz wenige Kunden, die uns ihre Kaffeetüte auf denTresen knallten." (Contigo vertreibt auch u.a. die "Noble Bohne" ).

Kurzkommentar goest: Es wird Zeit, dass der Laden a) einen gewählten Betriebsrat bekommt, den die Geschäftsleitung bei Kritik nicht einfach vor die Tür setzen kann, b) sämtliche schöne Versprechungen durch Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarungen schriftlich fixiert und juristisch einklagbar werden und zwar insbesondere Pausenregelungen, Urlaubsregelungen, Überstundenausgleichsregelungen und angebliche Zulagen.

 

Film- und Diskussionsveranstaltung
"Ende der Vertretung - Emmely und der Streik im Einzelhandel"

Am Mittwoch, den 09.12.2009 findet im DGB-Haus in der Oberen Maschstraße 10, ab 19.30 Uhr eine Film- und Diskussionsveranstaltung statt. Gezeigt wird der Film "Ende der Vertretung - Emmely und der Streik im Einzelhandel" (2009) von Bärbel Schönefinger unter der Mitwirkung von Samira Fansa. Der Film begleitet die Streikenden des Einzelhandels über mehrere Monate. Viele Streiken zum ersten mal.

Eine von den Streikenden ist Barbara, genannt Emmely. Emmely wurde ihr Engagement im laufenden Streikprozess zum Verhängnis und mündete in eine fristlose Kündigung, die bundesweit für Schlagzeilen sorgte. Wegen angeblicher 1,30 Euro Pfandbons wurde ihr nach über dreißig Jahren Anstellung in einer Kaisers Filiale fristlos gekündigt. Samira Fansa wird bei der Veranstaltung anwesend sein und an der sich anschließenden Diskussion über die Rolle von Gewerkschaften in Trarifauseinandersetzungen und außergewerkschaftlichen Interventionsmöglichkeiten teilhaben.

Veranstalter ist die Antifaschistische Linke International. Unterstützt wird die Film- und Diskussionsveranstaltung von der Initiative "Gewerkschaftslinke in Bewegung" und der ver.di-Jugend Göttingen. Im Rahmen einer Werbeaktion für die Veranstaltung wurden am Samstag den 5.12.2009 Geschäfte des Einzelhandels in der Göttinger Innenstadt aufgesucht und rote Nelken, sowie Werbeflyer für die Veranstaltung an Beschäftige des Einzelhandels verteilt. Die AktivistInnen diskutierten bei REWE, Karstadt, Bäckerei Ruch, Alnatura, Rossmann und Kaufland über die Situation im Einzelhandel und luden die Beschäftigen zu der Veranstaltung ein. Die Aktionen stießen bei den Beschäftigten auf positive Resonanz.

Mittwoch den 09.12.2009, um 19.30 Uhr, im DGB-Haus, Obere Maschstraße 10. Für das leibliche Wohl wird mit einer Suppenküche gesorgt.

>> Emmely gibt´s überall / Aktionsgruppenberichte zu dem Thema

 

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