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Zwangsarbeit in Göttingen

Zwangsarbeit 1939-45 in Südniedersachsen

Zwangsarbeit und die Rolle der Justiz
Zwangsarbeit für die Reichsbahn in Südniedersachsen
Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen
Zeitzeuginnengespräch mit Wiktorja Delimat
Gedenkstein und Gedenkversammlung 2005
Patenschaftsfonds / Direkthilfe
Interview mit Dr. C. Tollmien

> Zwangsarbeiter/innen in der Göttinger Klinik (Seite Medizin / Geschichte)
>> Zwangsarbeit in der Stadt Göttingen

 

Zwangsarbeit 1939-45 in Südniedersachsen

> Fotos und Berichte auf einer extra Seite

Ausstellung "Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945" Lokhalle Göttingen 15. 1. bis 14. 2. 2010

4.1.10 / Die Ausstellung wurde erstellt von der Geschichtswerkstatt Göttingen, der Geschichtswerkstatt Duderstadt in Kooperation mit internationalen Projektpartnern aus Polen, Italien und den Niederlanden; sie wird von der Europäischen Union und von zahlreichen Institutionen in Südniedersachsen gefördert. Die Eröffnungsfeier mit Zeitzeugen und Mitgliedern der Projektgruppe fand am Freitag, 15. Januar 2010 um 16.00 Uhr in der Lokhalle Göttingen statt.

Katalog in Form einer Kartenbox (16-seitige Broschüre und zwölf Faltblätter mit Lebensgeschichten von Zwangsarbeitenden und Verortungsgrafiken). Die begleitende Webseite www.zwangsarbeit-in-niedersachsen.eu wird mit Ausstellungsbeginn freigeschaltet.
Anschrift und Öffnungszeiten: Ausstellung "Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939-1945" 15. Januar - 14. Februar 2010 Lokhalle Göttingen, Bahnhofsallee 1 b, 37081 Göttingen (rückseitiger Bahnhofsausgang) Montag - Freitag: 11.00-17.00 Uhr, Sonntag: 14.00-17.00 Uhr (öffentliche Führung 15.00 Uhr am 17.1., 24.1., 7.2. und 14.2.). Samstags sowie vom 28.-31. Januar geschlossen. Der Eintritt ist frei. Spenden sind erwünscht.

 

Zwangsarbeit und die Rolle der Justiz

7.2.08 / Die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora hat zusammen mit der Fachhochschule Nordhausen eine wissenschaftliche Publikation zur Zwangsarbeit herausgegeben: NS-Zwangsarbeit und die Rolle der Justiz. Täterschaft, Nachkriegsprozesse und die Auseinandersetzung um Entschädigungsleistungen, hrsg. von H. Kramer, K. Uhl und J.-C. Wagner, Nordhausen 2007. Mit interdisziplinärer Perspektive schlägt der Band einen breiten Bogen von der Mitwirkung der Juristen bei der Konzeption und Realisierung der Zwangsarbeit im Nationalsozialismus über die internationale Entschädigungspraxis bis zur Ahndung von Zwangsarbeitsverbrechen vor deutschen und ausländischen Gerichten. Foto: Buch-Cover

Zwangsarbeit für die Reichsbahn in Südniedersachsen

Montag, 4. Februar 2008, 20 Uhr Lokhalle Göttingen, Bahnhofsallee 1b "Erniedrigt, recht- und schutzlos": Zwangsarbeit für die Reichsbahn in Südniedersachsen Vortrag mit dem Lokalhistoriker und Kulturwissenschaftler Günther Siedbürger

Die Deutsche Reichsbahn war neben der Vernichtung der Jüdinnen und Juden auch am anderen großen Kriegsverbrechen des Nationalsozialismus, der Zwangsarbeit, beteiligt. Hier wirkte sie nicht nur als modernes Massenverkehrsmittel an den Deportationen der Verschleppten nach Deutschland mit, sondern beschäftigte als Großunternehmen auch aktiv Zwangsarbeitende und beutete deren Arbeitskraft aus. In Südniedersachsen dürften die verschiedenen Eisenbahnbetriebe dabei sogar an erster Stelle gestanden haben. Das Eisenbahnausbesserungswerk Göttingen mit der Lokhalle beschäftigte neben den Schickertwerken Rhumspringe die meisten Zwangsarbeitenden in der gesamten Region. Der Lokalhistoriker und Kulturwissenschaftler Günther Siedbürger zeigt in seinem Vortrag, wie die Deportationen nach Südniedersachsen konkret abliefen. Wie waren die Lebensbedingungen der Zwangsarbeitenden bei der Bahn? Welche Arbeiten hatten sie zu verrichten und wo befanden sich überhaupt Lager und Arbeitsplätze von Eisenbahn-Zwangsarbeitern? Unterschied sich ihre Situation von der in anderen Einsatzbereichen oder erlebten sie das durchschnittliche Los von NS-Zwangsarbeitern? In Filmausschnitten werden auch die Betroffenen selbst zu Wort kommen. Eine Veranstaltung der Göttinger Regionalgruppe "Zug der Erinnerung" im Rahmen der Reihe "Gedenken an die Opfer des Nationalsoialismus - 27. Januar "Mit freundlicher Unterstützung der Lokhalle Göttingen Der Eintritt ist frei.

Foto: Presseaussendung der Veranstalter / G. Siedbürger / Lokausbesserungswerk Göttingen

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Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen

8.3.07 / In Göttingen und Umgebung war während der Nazizeit Zwangsarbeit sehr präsent. Arbeitskräfte wurden aus vielen verschiedenen Ländern Europas (Frankreich, Italien, Belgien, Holland) vor allem aber aus Polen, der damaligen UdSSR und Ukraine abtransportiert. Sie wurden Fabriken sowie landwirtschaftlichen Betrieben zugeteilt. Die Zwangsarbeiter/innen der Industriebetriebe wurden in Lagern untergebracht, bei Bauern mußten sie manchmal auch im Stall zwischen Pferden und Kühen schlafen, mit einer dünnen Decke. Viele ZwangsarbeiterInnen berichteten von ihrem Hunger, der mangelhaften Ernährung, den schlechten Unterkünften und kalten, feuchten Schlafstätten. Wenn es zum Streit zwischen Zwangsarbeiter und Ausbeuter kam brauchten die Ausbeuter nur die GeStaPo zu rufen und die Zwangsarbeiter wurden empfindlich bestraft, ausgepeitscht, geschlagen und landeten auch im Konzentrationslager. Die rassistische Herrenmensch-Ideologie drückte sich in Regelungen und Bestrafungen für zu enge Kontakte zwischen ZwangsarbeiterInnen und Deutschen aus. Gemeinsam an einem Tisch zu essen war nicht erlaubt und Geschlechtsverkehr wurde unter höchste Strafen gestellt. Polen mußten ein "P"-Zeichen auf der Kleidung sichtbar tragen. (Eindrücke/Notizen zum Vortrag Günter Siedbürgers)

Studie zur Zwangsarbeit - vom Landkreis nicht weiter erwähnt.

Am 7.3.07 wurden Inhalte des Buches "Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen 1939 bis 1945" von Günter Siedbürger vorgestellt und Fotos dazu gezeigt. Seltsamerweise fand die Veranstaltung im DGB-Haus statt und nicht im Gebäude des Landkreises, der doch eigentlich als Auftraggeber und Herausgeber der Studie firmiert. Landrat Reinhard Schermann schreibt im Vorwort des Buches "Der Landkreis Göttingen stellt sich damit erneut seinem dunkeln Kapitel seiner Geschichte. Diese von hohem Verantwortungsgefühl und Erinnerungsbewusstsein geprägte Haltung zeichnet den Kreis kontinuierlich aus." Bei der Veranstaltung war allerdings auch kein Vertreter des Landkreises zugegen. Während Bücher wie "Bildband Landkreis Göttingen" mehrfach im Archiv der Pressemitteilungen zu finden sind, lässt sich kein Hinweis auf das Zwangsarbeit-Buch finden. Die Sucheingabe nach "Zwangsarbeit" auf der Landkreis-Homepage ergibt die Antwort "Es wurden leider keine Artikel gefunden." (Redaktionelle Zwischenbemerkung: Es beschleicht uns ein ungutes Gefühl wenn wir lesen, dass Landrat Schermann fast zeitgleich am 9.3.07 dem stv. Bundesvorstand des Soldaten-Vereins Kyffhäuserbund das Bundesverdienstkreuz überreicht. ..mehr Infos)

Bleibt abzuwarten, wie mit der angekündigten ständigen Ausstellung zum Thema Zwangsarbeit verfahren wird. Es gibt Hinweise darauf, dass diese Ausstellung in den ländlichen Raum abgeschoben werden soll. Gleichzeitig wurde in der Veranstaltung deutlich, dass es leider keine wirkliche Verbindung zu der Erforschung der Zwangsarbeit innerhalb der Stadt Göttingen gibt. Es muß also eine ständige Ausstellung nur den Landkreis betreffend unter Aussparung der Stadt Göttingen befürchtet werden.

Zwangsarbeit – kein anderes Verbrechen des Nationalsozialismus vollzog sich so sehr in aller Öffentlichkeit wie dieses. 14 bis 15 Millionen Männer, Frauen und Kinder aus den überfallenen Ländern sind während des Krieges zur Arbeit in Deutschland gezwungen worden. Das Buch "Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen 1939-1945" des Göttinger Kulturwissenschaftlers Günther Siedbürger zeigt, in welch großem Ausmaß Zwangsarbeit im Landkreis Göttingen stattgefunden hat. Die persönlich gehaltenen Schilderungen der ehemaligen Zwangsarbeitenden zeigen darin am eindringlichsten, wie bei der Zwangsarbeit "Herrenmenschentum" und rassische Diskriminierung konkret erfahrbar waren.


Günther Siedbürger (im Bild rechts) Autor des Buches "Zwangssarbeit im Landkreis Göttingen 1939-1945" während der Veranstaltung am 7.3.07

"Wir sollten die Untaten unserer Vorväter zumindest in dem Maße in Erinnerung behalten, in dem wir heute noch immer davon profitieren. (Robert Louis Stevenson, Emigrant aus Leidenschaft)"

 

Zeitzeuginnengespräch mit Wiktorja Delimat

14.6.07 / Mitte 2007 wurde die Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter durch die Bundesstiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" offiziell für abgeschlossen erklärt. An 1,7 Millionen Menschen wurden im Schnitt 2.500 Euro gezahlt. Mit dem Entschädigungsprozess rückte noch einmal das Leid dieser über lange Jahre "vergessenen Opfer" des Nationalsozialismus ins Blickfeld. Aber mit dem Abschluss der Zahlungen sollte die Aufmerksamkeit für ihre Geschichte nicht aufhören. Was bedeutete Zwangsarbeit im NS konkret für die Betroffenen? Und warum mussten sie so lange auf eine Geste der Anerkennung warten?

Über diese Fragen sprach die ehemalige Zwangsarbeiterin Wiktorja Delimat am 20. Juni um 19 Uhr im DGB-Haus Göttingen. Wiktorja Delimat wurde 1940 als Jugendliche aus ihrem polnischen Heimatdorf zur Zwangsarbeit ins "Reich" verschleppt. Nach einer gelungenen Flucht wurde sie 1942 wieder aufgegriffen und in den Landkreis Göttingen deportiert. Hier wurde sie zunächst bei der alljährlichen Kampagne in der Zuckerfabrik Obernjesa eingesetzt; anschließend war Wiktorja Delimat über zwei Jahre bis zur Befreiung Zwangsarbeiterin auf einem Hof in Ebergötzen.

Nach der Befreiung blieb Wiktorja Delimat in der Region, heute lebt sie mit Tochter und Schwiegersohn in der Südstadt.
Bereits in den frühen 1960-er Jahren hat sie auf juristischem Wege versucht, eine Entschädigung für das erlittene Unrecht zu erhalten - vergebens. Auf eine institutionelle Anerkennung ihrer Leiden und eine symbolische Entschuldigung musste Frau Delimat bis ins neue Jahrtausend hinein warten. In dem Gespräch mit dem Göttinger Kulturwissenschaftler Günther Siedbürger und dem Medizinhistoriker Prof. Andreas Frewer berichtete Wiktorja Delimat über ihre Erfahrungen als Zwangsarbeiterin im Landkreis Göttingen.

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Gedenkstein zur Zwangsarbeit in Göttingen

Foto: Aufschrift des Gedenksteins

Der Gedenkstein der auf öffentlichem Gelände neben dem Arbeitsamt aufgestellt ist wurde zur Häfte von der Stadt und zur anderen Hälfte durch Spenden finanziert.
Dabei beiteiligten sich auch einige der heutigen Firmeninhaber der Firmen, bei denen damals ZwangsarbeiterInnen beschäftigt waren. Aber z.B. Cron&Lanz reagierte nicht auf entsprechende Spendenbitten.

Es ist kein Zufall, dass der Gedenkstein der Zwangsarbeit neben dem Arbeitsamt und der Lokhalle aufgestellt ist, denn hier in der Nähe auf dem Schützenplatz befand sich damals auch eines der beiden Göttinger Lager für Zwangsarbeiter/innen die vom damaligen Arbeitsamt unter den Nazis verwaltet und verteilt wurden und von denen viele im "Lokrichtwerk" der Lokhalle arbeiteten.

Verortung des Gedenksteines zwischen Arbeitsamt und Lokhalle

Versammlung am Gedenkstein für die Zwangsarbeiter/innen am Sonntag den 8. Mai 2005.

Ein Vertreter der VVN/BDA erinnert u.a. an die unfassbare Tatsache, dass man den Zwangsarbeiter/innen bei Luftangriffen den Zugang in die Bunker verwehrte. Auf dem Göttinger Friedhof in der Kasseler Landstraße zeugen heute noch die Gräber der Zwangsarbeiter/innen von damals.

Im städtischen Museum befindet sich eine Dauerausstellung zur Nazizeit darunter auch Dokumente der damaligen Zwangsarbeit in Göttingen, Fotos von Zwangsarbeiter/innen in Göttinger Betrieben und anderes.

Einige Göttinger Firmen

Aluminiumwerke,
Feinprüf/Phywe
Holzwerke Vohl & Söhne
Wäscherei Schneeweiß,
E. Mehle & Co
Fritz Keim
Bahn
Baufirma Hildebrandt
Ruhstrat
Sartorius
Baufirma Dawe
Universität
Holzgroßhandlung Holz-Henkel
Bäckereien und Fleischereien
Gaststätten und Cafés (z.B. Cron & Lanz, Rathskeller,Hotel zur Krone)
Edeka
Privathaushalte

Landwirtschaftliche Betriebe
Schuhmacher (z.B. Hemer und Langer)
Uhlendorff,
Radiotechnikgeschäft Caspari
Uhrmacher Wilichowski
Fotogeschäft Bieling.
Städtische Betriebe
Müllabfuhr
Kohlenverteilung
Stadtgut Geismar
Gaswerk
Bauamt
Omnibusbetrieb
Waldarbeiter
Schulen (Putzen)
Theater
Quellen:
a) www.sozialistische-klassiker.org
b) Tollmien

Göttinger Initiative für Direkthilfe an die ehemaligen ZwangsarbeiterInnen

"Über 100 ehemalige Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen haben in den Jahren 2001 bis 2003 eine Geldanweisung von 500,- DM (bzw. heute 250 Euro) erhalten. Etwa 50 von ihnen haben wir 2002 und 2003 auch noch eine zweite Rate überwiesen, da sie bisher noch keine Zahlung aus der Bundesstifung erhalten hatten." (Zit. ehemals auf der Webseite C. Tollmien "Göttinger Direkthilfe")

Vorgeschichte der Direkthilfe
Januar 01 / Der Vorschlag für einen Patenschaftsfonds zur Unterstützung ehemaliger Zwangsarbeiter aus Göttingen sieht vor, über einen Göttinger Fond Hilfezahlungen zu leisten, solange die ehemaligen Göttinger Zwangsarbeiter noch keine Entschädigungszahlungen aus dem Bundesfond erhalten. Um einen raschen Beginn der Zahlungen zu ermöglichen, soll die Stadt eine Anschubfinanzierung von 25.000 Mark zahlen.
Die Nachforschungen der von der Stadt beauftragten Historikerin Dr. Cordula Tollmien hatten ergeben, dass der größte Teil der noch lebenden ehemaligen Göttinger ZwangsarbeiterInnen aus der Ukraine stammen und dort in ärmlichsten Verhältnissen leben. "Die vom Rat beschlossene Einladung dieser Menschen nach Göttingen ist nach den jetzt vorliegenden Erkenntnissen keine geeignetes Zeichen der Wiedergutmachung", erklärte der kulturpolitische Sprecher der GAL-Fraktion, Nils König. Viele würden die lange Reise, die zudem wegen des nötigen Begleitpersonals und der medizinischen Betreuung erhebliche Kosten verursachen würde, gar nicht mehr verkraften. "Viel besser wäre es, dies Geld zu nutzen für eine kontinuierliche Unterstützung dieser Menschen durch eine kleine monatliche Zusatzrente," schlug König vor. Da das derzeitige Rentenniveau der Betroffenen bei ca. 15 Dollar/Monat liegt, wäre ein Betrag von 50 bis 100 DM monatlich eine große Hilfe für diese Menschen.
Um diese Unterstützung schnellstmöglich beginnen zu können, hatte der von der GAL vorgeschlagene, mit diesem Thema beschäftigte Unterausschuß des Kulturausschusses einstimmig die Einrichtung eines "Göttinger Patenschaftsfonds" vorgeschlagen. Er soll gespeist werden durch regelmäßige Beiträge von Göttinger BürgerInnen, Institutionen oder Firmen, die Patenschaften für Zwangsarbeiterinnen übernommen haben, oder durch einmalige Zahlungen.

Insgesamt waren damals in Göttingen schätzungsweise 10.000 ZwangsarbeiterInnen beschäftigt.
"Auch in Göttingen beschäftigten die meisten Unternehmen ebenso wie Stadtverwaltung, Reichsbahn und Universität in großem Maßstab Zwangsarbeiter, um ihre Produktion aufrecht zu erhalten und ihre Aufgaben erfüllen zu können." Zitat Stadtarchiv- Aber: Bedauerlicherweise lehnte die Verwaltung es nach Aussage von Frau Schlapeit-Beck ab, den Vorschlag des Unterausschusses zu übernehmen und Geld für den Fond in den Haushalt einzusetzen.

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tolmien.JPG (11453 Byte)Interview mit Dr. Cordula Tollmien (Bild ) 

Bericht über Zwangsarbeit in Göttingen
Inzwischen liegt der Abschlußbericht der Untersuchung in Papier vor , siehe auch >>
http://www.cordula-tollmien.de/zwangsarbeiterinnen.html

 

"Um Zwangsarbeiter übersehen zu können, mußte man schon wirklich beide Augen geschlossen halten..."

GOEST: Frau Tollmien, Sie haben für den Kulturausschuß der Stadt Göttingen einen Zwischenbericht Ihres Forschungsprojekts über "Zwangsarbeiter in Göttingen" vorgestellt. Wir würden gerne wissen, wie es zu diesem Forschungsprojekt gekommen ist, wer der Auftraggeber ist und wie es finanziert wird.

Tollmien: Das Forschungsprojekt ist ein Auftrag der Stadt Göttingen, der sich allerdings nicht allgemein auf die Erforschung von Zwangsarbeit in Göttingen erstreckt, sondern auf die Zwangsarbeiter in kommunalen Einrichtungen eingegrenzt wurde. Meine spezielle Aufgabe ist es also, den Zwangsarbeitern, die in städtischen Betrieben oder in der Kommunalverwaltung beschäftigt waren, nachzuspüren, zunächst einmal herauszufinden, wie viele es waren, sie so weit wie möglich auch namentlich festzumachen und dann die Arbeitsbedingungen herauszuarbeiten, unter denen sie arbeiten mußten. Also: Die Stadt hat sich verhalten, wie es auch die privaten Betriebe tun könnten, nämlich für die speziell von ihr beschäftigten Zwangsarbeiter ein Forschungsprojekt in Auftrag gegeben. Deswegen ist das Ganze auch nur ein zeitlich relativ begrenztes Projekt: Nach dem von mir jetzt im September vorgelegten Zwischenbericht hoffe ich Ende dieses Jahres oder spätestens Anfang des nächsten Jahres einen Abschlußbericht vorzulegen. Die Stadt finanziert dieses begrenzte Projekt auf der Grundlage eines Ratsbeschlusses. Über den ursprünglichen Auftrag hinaus ist von der Stadt wohl keine weitere Finanzierung meiner Forschung zu erwarten.

GOEST: Und der Landkreis Göttingen?

Tollmien: Der Kreis hat ein eigenes Projekt in Auftrag gegeben, das allerdings die im städtischen Auftrag vorgesehene Einschränkung nicht kennt und von Günter Siedbürger mit dem Auftrag bearbeitet wird, sämtliche Zwangsarbeiter in sämtlichen Betrieben des Kreises Göttingen ausfindig zu machen - eine fast unlösbare Aufgabe in der dafür vorgesehen Zeit von einem halben Jahr. In diesem Zusammenhang noch etwas zum Thema meines Forschungsprojekts und zu meiner Person: Auch diese auf die kommunalen Zwangsarbeiter eingeschränkte Projekt wäre in der Kürze der dafür vorgesehenen Zeit nicht zu bearbeiten gewesen, wenn ich nicht schon Vorarbeiten geleistet hätte, wenn ich nicht in dem Thema bereits eingearbeitet gewesen wäre. Ich habe eine Arbeit geschrieben über "Nationalsozialismus in Göttingen" und da habe ich damals in dem Kapitel über den II. Weltkrieg alles zusammengestellt, was zu diesem Zeitpunkt - die Arbeit ist 1999 erschienen - bekannt war über Zwangsarbeiter in Göttingen. Das, was damals vorlag, waren neben einer schon 1988 verfaßten unveröffentlichten Staatsexamensarbeit von Kathrin Prüger über Ostarbeiter einige Ergebnisse von Initiativen aus dem Gewerkschaftsbereich und vor allem die Untersuchung von Frank Baranowski, der über Rüstungswirtschaft in Südniedersachsen gearbeitet hat. Diese Arbeit ist 1995 veröffentlicht worden, wurde bisher aber völlig ignoriert, auch von den betroffenen Firmen. Mindestens seit 1995, vielleicht sogar noch länger, kennt man also die Namen der Firmen, die hier in Göttingen Zwangsarbeiter in größerem Umfang beschäftigt haben. Dies hat aber bisher niemanden besonders interessiert. Warum dies so war, muß ich, denke ich, nicht erläutern. Wir wissen alle, dass die Diskussion zu diesem Thema erst im August 1999 auf politischen und wirtschaftlichen Druck von außen so in Gang gekommen ist, dass sich die deutsche Industrie – wie es immer so schön heißt – zu ihrer Verantwortung bekannt hat und sich damit auseinandersetzen zu müssen gezwungen sah.

Noch eine Bemerkung zur Begrenzung meines Themas: Trotz der thematischen Einschränkung meines Auftrags, werde ich mich nicht darauf beschränken, nur die städtischen Zwangsarbeiter herauszufinden. Dies wäre weder inhaltlich noch forschungsorganisatorisch zu rechtfertigen: Denn zum einen stellten die städtischen Zwangsarbeiter nur einen - im übrigen verhältnismäßig kleinen - Teil der Zwangsarbeiter in Göttingen insgesamt dar und müssen in diesem Kontext gesehen werden, und zum anderen ist die Quellenlage so disparat, teilweise sogar chaotisch, dass es forschungsmäßig einfach nicht zu rechtfertigen wäre, dass ich - wenn ich die Akten durchsehe und beispielsweise etwas über Zwangsarbeiter bei "Ruhstrat" oder "Sartorius" finde - dies ignoriere und mich vielleicht für ein späteres weiter gefaßtes Forschungsprojekt noch einmal an die aufwendige Durchsicht dieser Akten mache. Insofern wird in meinem Abschlußbericht zwar sicher der Schwerpunkt auf den kommunalen Zwangsarbeitern liegen, aber mein eigenes Forschungsinteresse ist weiter gefaßt und erstreckt sich, wie ja auch bereits mein Zwischenbericht übertitelt ist, auf "Zwangsarbeiter in Göttingen" allgemein. Bei der Verfolgung dieses weiter gefaßten Interesses werde ich übrigens - das sollte ich hier erwähnen - von den Mitarbeitern des Stadtarchivs Göttingen und insbesondere von dessen Leiter Herrn Dr. Ernst Böhme in ganz hervorragender Weise unterstützt.

Doch auch bei dem Thema "Zwangsarbeiter in Göttingen" gibt es noch ein Problem, nämlich die geographische Eingrenzung: Damals war der Stadtkreis noch sehr viel kleiner und umfaßte noch nicht einmal Grone, Weende und Geismar. Einige von uns heute als Göttinger Firmen empfundene Betriebe waren aber wie beispielsweise die "Phywe AG" in Grone angesiedelt oder wie die "Aluminiumwerke" - heute "Alcan" - in Weende. Außerdem unterhielten im Stadtkreis gelegene Firmen oft Lager in Grone, Weende, Geismar oder sogar in Rosdorf. Ich habe mich daher mit Herrn Siedbürger, mit dem ich sehr engem Kontakt bin und sehr eng zusammenarbeite, darauf geeinigt, dass ich die in den 60er Jahren eingemeindeten Stadtteile Weende, Grone, Geismar und auch Herberhausen, wo das Städtische Forstamt angesiedelt war, mit untersuche, während er sich mit dem jetzigen Landkreis Göttingen einschließlich der erst in den 70er Jahren zur Stadt Göttingen geschlagenen, ehemals selbständigen Dörfer wie etwa Holtensen, Esebeck, Groß-Ellershausen usw. beschäftigt.

GOEST: Was können Sie vor dem Hintergrund der bisher ausgewerteten Unterlagen zusammenfassend feststellen? Im Konkreten geht es darum, in welchem Ausmaß in Göttingen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen beschäftigt worden.

Tollmien: Es ist sehr schwierig, genaue Zahlen zu nennen, das ist ja immer das, was man gerne hätte. Erstens hat man da wieder das Problem des Bezugspunkts. Viele zeitgenössische statistische Angaben beziehen sich auf den Arbeitsamtsbezirk Göttingen, der den Stadtkreis und den damaligen Landkreis Göttingen umfaßte, und nur vereinzelt sind gesonderte Zahlen für den Stadtkreis Göttingen ausgewiesen. Eine Gesamtzahl für die Zeit von Oktober 1939 bis März 1945 - also für den Zeitraum, in dem in Göttingen die Zwangsarbeiterbeschäftigung relevant war - ist daher sehr schwierig. Wir haben einzelne Zahlen für das Jahr 1944, aber auch diese sind nicht sehr zuverlässig, wie ich auch in meinem Bericht hervorgehoben habe: Für das erste Vierteljahr 1944 haben wir beispielsweise einmal die Zahl von 3.000 "Fremdarbeitern" in einer Quelle und in einer anderen Quelle die Zahl von 6.000 - ein doch erheblicher Unterschied. Man kann aber wohl davon ausgehen, dass in Göttingen über die gesamte Kriegszeit hinweg insgesamt sicher mehr als 10.000 Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Und man kann sagen, dass die Zwangsarbeiterbeschäftigung in Göttingen so weit verbreitet war, dass sie völlig alltäglich war, in jedem Lebens- und Arbeitszusammenhang der Göttinger Bevölkerung vorkam: Bei jedem Bäcker, in jedem Lebensmittelladen, bei der Müllabfuhr, in den Haushalten die "Ostarbeiterinnen", die als Hausgehilfinnen beschäftigt waren – überall gab Menschen, die wir heute Zwangsarbeiter nennen. Die für das quantitative Ausmaß der Zwangsarbeiterbeschäftigung in Göttingen entscheidenden Firmen waren natürlich die Betriebe der Rüstungsindustrie, das waren in Göttingen vor allem die "Alluminumwerke", "Ruhstrat", "Sartorius", die "Phywe", aber auch "Spindler & Hoyer", "Zeiss", damals noch "Winkel & Co", also die optische Industrie; dann die feinmechanische Industrie, wie etwa "Feinprüf", heute "Mahr", die damals alle zur Rüstungsindustrie zählten. Der wichtigste und größte "Arbeitergeber" für Zwangsarbeiter aber - wie fast überall im Deutschen Reich - auch in Göttingen die Reichsbahn,...

GOEST: ... hauptsächlich im Ausbesserungswerk?

Tollmien: Nicht nur im Ausbesserungswerk, auch im Bahnbetriebswerk, auf dem Bahnhof, sogar in der Bahnhofsgaststätte arbeiteten Zwangsarbeiter.

GOEST: Sichtbar dann also.

Tollmien: Sehr sichtbar! Man muß wirklich sagen, um Zwangsarbeiter übersehen zu können, mußte man schon wirklich beide Augen geschlossen halten, denn die meisten Zwangsarbeiter hatten damals ja auch einen begrenzten Bewegungsspielraum – je nachdem, wie die Situation jeweils war und welcher "Volksgruppe", welcher Nationalität sie angehörten, konnten sie sich in ihrer "Freizeit" in Teilen der Stadt frei bewegen. Man konnte sie also nicht nur am Arbeitsplatz sehen, sondern auch auf den Straßen. Dort traf man gegen Ende des Krieges zunehmend auch bettelnde Zwangsarbeiter. Es gab sehr viele "Beschwerden" deswegen von Göttinger Bürgern, ich habe Denunziationen von bettelnden Zwangsarbeitern in den Akten gefunden. Außerdem muß man sich klarmachen, dass gegen Ende des Krieges ja auch zunehmend größere einheimische Bevölkerungsgruppen zur Arbeit in der Rüstungsindustrie verpflichtet wurden, insbesondere die deutschen Frauen, und diese arbeiteten oft in sehr engem Kontakt mit Zwangsarbeitern.

GOEST: Ist etwas bekannt über Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in der Universität, in den Universitätskliniken?

Tollmien: Ja, in den Kliniken gab es Zwangsarbeiterinnen, die dort als Putzfrauen oder in der Küche arbeiteten. Außerdem waren holländische, französische und italienische Medizinstudenten als Pfleger in den Kliniken eingesetzt. Die Universität hat sonst nach meiner Kenntnis - außer auf dem Versuchsgut der Universität in Weende – keine Zwangsarbeiter beschäftigt. Mein Erkenntnisstand kann sich aber diesbezüglich noch ändern. Dies ist der jetzige, der vorläufige Erkenntnisstand.

GOEST: In den Werkstätten der Universität?

Tollmien: Bei den Werkstätten bin ich mir nicht sicher, ob die Universität dafür überhaupt Zwangsarbeiter bekommen hätten. Man muß sich klarmachen: dass die Zwangsarbeiter damals unglaublich begehrt waren. Viele Betriebe und auch die Stadt selbst haben beim Arbeitsamt oft vergeblich einen Antrag auf die Zuweisung Zwangsarbeiter gestellt. Ich weiß nicht, ob so ein universitärer Werkstattbetrieb überhaupt "kriegswichtig" genug war, um Zwangsarbeiter zugewiesen bekommen zu können. Ich muß aber auch sagen, dass ich dazu bisher noch nicht systematisch im Universitätsarchiv gearbeitet habe, aus dem einfachen Grund, weil ich nur eine Person bin und das schlicht nicht zu schaffen ist.

GOEST: Sie haben eben die Medizinstudenten aus Italien, Frankreich und Holland erwähnt, aus welchen Ländern kamen denn die Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen sonst noch?

Tollmien: Die Zusammensetzung der Zwangsarbeiter änderte sich mit dem Kriegsverlauf. Doch gegen Ende des Krieges - also im Jahr 1944 - bildeten sogenannten Ostarbeiter die größte Zwangsarbeitergruppe, von denen wiederum sehr viele, fast die Hälfte, Frauen bzw. junge Mädchen waren. Das "Ostarbeiterproblem", das wird oft vergessen, ist in ganz starkem Ausmaß auch ein "Frauenproblem". Die "Ostarbeiter" - zur Erläuterung, das waren grob gesprochen die Arbeiter aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion - kamen ab Frühjahr 1942 ins Deutsche Reich, die ersten Zwangsarbeiter bei Beginn des Krieges waren die Polen. Sie stellten zugleich die zweitgrößte Gruppe. Dann gab es die sog. Westarbeiter: Franzosen, Holländer, Italiener – bei letzteren muß man natürlich unterscheiden zwischen denen, die vor 1943 zur Arbeit nach Deutschland kamen, und denen, die nach dem sog. Separatfrieden 1943 ins Deutsche Reich verschleppt wurden. Außerdem arbeiteten auch Ungarn, Serben, Tschechen, Rumänen, Slowaken, ja sogar Luxemburger während des Krieges für die deutsche Rüstungswirtschaft. Innerhalb dieser Nationalitäten gab es natürlich, wie nicht anders zu erwarten bei den Nazis, eine "rassischen" Geschichtspunkten folgende Hierarchie. Die "Ostarbeiter" waren in dieser Hierarchie ganz unten, die Polen standen auch noch relativ weit unten, aber über den Ostarbeitern; Flamen, also belgische, "germanisch" gedachte Zwangsarbeiter waren ebenso wie die Holländer ganz oben in der Hierarchie angesiedelt; die Wallonen, also die französisch sprechenden Belgier standen wiederum schon tiefer. Also: Es gab da ein sehr ausdifferenziertes System, in dem etwa die ursprünglich verbündeten Italiener nach dem "Verrat" von 1943 sich nun auf einer Ebene mit den "Ostarbeitern" befanden, teilweise wurden sie sogar noch schlechter behandelt als die "Ostarbeiter", eben wegen dieser "Verratsidee" die überall, nicht nur bei den staatlichen und industriellen Stellen, sondern ganz allgemein in der Bevölkerung sehr tief verankert war. Die rassistische Hierarchie der Nazis schlug sich nicht nur in der konkreten Form der Behandlung der jeweiligen ausländischen Arbeiter im Deutschen Reich nieder, sondern betraf auch den Zwangscharakter der Arbeit, der von "Volksgruppe" zu "Volksgruppe" unterschiedlich hoch war und sich auch im Laufe der Jahre veränderte: Viele Holländer haben sich ja anfänglich vielleicht freiwillig für ein halbes Jahr zur Arbeit in Deutschland verpflichtet, nur wurde eben diese Begrenzung auf ein halbes Jahr später aufgehoben und sie konnten nicht, wie geplant, zurück. Die sogenannten "Ostarbeiter" dagegen wurden in aller Regel einfach deportiert, also ganze Dörfer, ganze Schulklassen, Menschen, die aus einer Kinovorstellung kamen, in Lastwagen gepackt, zur Bahn gebracht und ins Deutsche Reich transportiert. Dabei muß man sich klar machen, dass die "Ostarbeiter" verglichen mit den anderen Zwangsarbeitergruppen durchschnittlich am jüngsten waren. Bei den Männern betrug das Durchschnittsalter zwanzig, bei den "Ostarbeiterinnen" siebzehn Jahre! Das Durchschnittsalter! Das heißt, das waren wirklich junge Mädchen, das waren Schülerinnen, die da ins Deutsche Reich zwangsweise deportiert wurden.

GOEST: In Ihrem Zwischenbericht unterscheiden Sie "zivile Arbeitskräfte" und "Kriegsgefangene". Wofür ist diese Unterscheidung von Bedeutung?

Tollmien: Die Unterscheidung ist von großer Bedeutung. Zunächst hatten Kriegsgefangene und zivile Arbeitskräfte damals einen unterschiedlichen "Rechtsstatus". Für die Kriegsgefangenen, die sowjetischen Kriegsgefangenen also beispielsweise, war die Wehrmacht zuständig. Sie waren in Kriegsgefangenenlagern untergebracht, sie wurden von dort auf ihre Arbeitsstätten verteilt, die Arbeitssituation war vielleicht ganz ähnlich wie bei den zivilen Arbeitskräften, aber die Bewachung und Verpflegung, Unterbringung, das war Aufgabe der Wehrmacht und nicht wie bei den zivilen Arbeitskräften Aufgabe der Industriebetriebe, der privaten oder öffentlichen Arbeitgeber. Grundsätzlich galten für Kriegsgefangene ja die Bestimmungen des Kriegsvölkerrechts, die den Gefangenen gewisse Rechte zusicherten, in der Regel aber nur von den gefangenen Soldaten der westlichen Nationen in Anspruch genommen werden konnten. So hatten etwa die französischen Kriegsgefangenen, die in Göttinger untergebracht waren, einen Vertrauensmann, bei dem sie - zumindest theoretisch - auch Beschwerden loswerden konnten. Für die sowjetischen oder polnischen Kriegsgefangenen gab es solche Rechte natürlich nicht. Die Unterscheidung zwischen Kriegsgefangenen und zivilen Arbeitskräften ist aber auch heute noch relevant, nämlich für die Entschädigungsfrage, die letztendlich der Grund dafür ist, weshalb wir hier zusammensitzen. Die Kriegsgefangenen wurden nämlich aus dem Entschädigungsgesetz insgesamt herausgenommen, mit der Argumentation dass Kriegsgefangene überall auf der Welt zur Arbeit eingesetzt wurden. Dies ist so undifferenziert meines Erachtens allerdings eine sehr problematische Entscheidung, weil sie weder berücksichtigt, wie schlecht es beispielsweise den sowjetischen Kriegsgefangenen in Deutschland ergangen ist, von denen Millionen noch vor ihrem Einsatz in Deutschland verhungert sind, noch dass viele, wenn nicht die meisten der im Deutschen Reich eingesetzten Kriegsgefangenen unter Umgehung der Bestimmungen des Völkerrechts zur Arbeit in der deutschen Rüstungsindustrie gezwungen wurden. Ich neige daher dazu, beide Gruppen - also sowohl die Kriegsgefangene als auch die Zivilarbeiter - als Zwangsarbeiter zu bezeichnen, und eine entsprechende Unterscheidung nur zu treffen, wenn es - etwa was die konkreten Lebensbedingungen, die Lohnfrage oder ähnliches angeht - für die zu treffenden Aussagen relevant ist.

GOEST: Wenn man sich vorstellt: zivile Zwangsarbeiter arbeiten beim Bäcker. Warum sind die nicht abgehauen?

Tollmien: Sie sind abgehauen, einige zumindest. Das Delikt der sogenannten Arbeitsflucht ist eines der häufigsten Delikte in den Akten. Das ist übrigens auch ein Zugang, wie man in den Akten Namen ehemaliger Zwangsarbeiter findet: eben über eine Fahndungsanzeige, die die betroffene Firma bei der Polizei, der Gestapo aufgab. Eine solche Flucht war allerdings nur in den seltensten Fällen erfolgreich. Denn: Wo sollten die flüchtigen Zwangsarbeiter hin? Erstens setzte die Gestapo alles daran, flüchtige Zwangsarbeiter wieder einzufangen, zweitens denke ich, dass die Denunziationsbereitschaft in der Bevölkerung bei Zwangsarbeitern noch viel höher war als in anderen Fällen. Das Denunziantentum war ja eine ganz wesentliche Basis des NS-Staates überhaupt. Ich habe wohl vereinzelt von versteckten Juden gehört, sehr, sehr selten aber von versteckten Zwangsarbeitern. Das gilt zumindest für den städtischen Bereich, ich weiß nicht, wie es auf dem Land aussah, mag sein, dass dort ein flüchtiger Zwangsarbeiter eher Unterschlupf finden konnte.

GOEST: ...die haben sie vielleicht selber eingesetzt?

Tollmien: Ja, das gab es auch! Es gab sogar Zwangsarbeiter, die sich selbst auf den Weg machten, das waren natürlich keine "Ostarbeiter", sondern zum Beispiel Franzosen oder Flamen, und sich eine neue "Arbeitsstelle" suchten. Und wenn der neue "Arbeitgeber", der in der Regel sehr an ihnen interessiert war, weil die Anträge auf Zuweisung von Zwangsarbeitern immer ein Vielfaches dessen betrugen, was schließlich zugewiesen wurde, dann klappte das auch manchmal. Und wenn man weit genug weg war, meinetwegen aus einem Lager in Köln entwichen war, und dann nach Göttingen zu "Sartorius" ging, weil der entsprechende französische Zwangsarbeiter den jungen Sartorius aus seiner Studienzeit in Göttingen kannte und auch schon vorher bei der Firma gearbeitet hatte, dann konnte das im Einzelfall auch einmal klappen, weil sich wie in diesem besonderen Fall die Firma "Sartorius" wirklich für diesen französischen Zivilarbeiter eingesetzt hat. Typischerweise geschah solches übrigens gegen Ende des Krieges, als das allgemeine Chaos auch in der Arbeitsverwaltung schon ziemlich groß war. Ich habe hier von einem tatsächlichen Fall berichtet...

GOEST: ...aber es blieb trotzdem Zwangsarbeit!

Tollmien: Es blieb Zwangsarbeit, trotz der persönlichen Bekanntschaft, die dem betroffenen Franzosen zugute kam. Sonst findet man einen eigenständigen Arbeitsplatzwechsel in den ersten Kriegsjahren hauptsächlich bei Flamen und Holländern, obwohl dies natürlich auch nicht gern gesehen und teilweise auch bestraft wurde. Bei "Ostarbeitern" und Polen stand darauf KZ oder "Arbeitserziehungslager", in denen statt zwölf Stunden sechzehn Stunden am Tag gearbeitet wurde. In ein "Arbeitserziehungslager" kam man im Unterschied zum KZ immer nur für eine begrenzte Zeit - etwa wegen "Arbeitsverweigerung", "Bummelantentum", das, wenn man Pech hatte, aber auch als Sabotage ausgelegt werden konnte und darauf stand natürlich in jedem Fall KZ. Das Bestrafungssystem hatte wie überhaupt im Nationalsozialismus natürlich einen starken Willkürcharakter. Bei dem einen ausländischen Arbeiter etwa war der "Arbeitgeber" vielleicht einfach froh darüber, ihn wiederzuhaben und deckte, in dem er etwa einen Fluchtversuch nur als Ausgangsüberschreitung auslegte, bei einem anderen folgte gnadenlos die Einweisung in ein KZ. Das hing natürlich auch davon ab, inwieweit die Gestapo schon involviert war. Pauschale Aussagen sind da kaum möglich. Es gab sogar zumindest am Anfang für einige Gruppen von ausländischen Arbeitern auch noch offiziell Urlaub! Die Idee, dass dies ein normales Arbeitsverhältnis war, wurde ja lange aufrechterhalten, und da findet man dann in den Unterlagen immer wieder den Vermerk "aus dem Urlaub nicht zurückgekehrt" - hauptsächlich bei Belgiern, bei Holländern, vereinzelt aber auch manchmal bei Ukrainern, die zwar keinen Urlaub, aber manchmal zumindest in den ersten Jahren noch bei Krankheits- oder Todesfällen in der Familie eine Heimfahrt genehmigt bekamen. Man muß sich allerdings klarmachen, dass eine solche Nichtrückkehr auch bei Holländern und Belgiern bedeutete, im eigenen Land unterzutauchen, und mancher Familienvater – vermute ich jetzt mal – hat wegen der für die Familie von den deutschen Besatzungsbehörden zu erwartenden Repressalien seinen Sohn wohl auch zurückgeschickt und ihm gesagt: "Tu uns das nicht an, bleib nicht hier, sondern geh zurück an deine Arbeitsstelle in Deutschland."

GOEST: Sie haben eingangs einige der Firmen benannt, die hier in Göttingen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigt haben. Wie verhalten diese Firmen sich heute dazu und wie verhält sich die Göttinger Stadtverwaltung dazu?

Tollmien: Die erste Reaktion der Stadtverwaltung war der Forschungsauftrag an mich, um auf der Grundlage meiner Ergebnisse dann auch zu entscheiden, wie sich die Stadt in der Entschädigungsfrage speziell gegenüber ihren eigenen Zwangsarbeitern verhalten kann oder soll. Das ist also noch offen. Ich werde der Stadt da entsprechende Vorschläge machen, darüber können wir vielleicht später reden...

GOEST: ...wobei Sie in Ihrem Zwischenbericht geschrieben haben, dass die meisten der von der Stadt beschäftigten Zwangsarbeiter Kriegsgefangene waren.

Tollmien: Ja, genau – aber für meine Vorschläge wird das nicht relevant sein. Die Göttinger Firmen verhalten sich sehr unterschiedlich. Schon vor Monaten habe ich die Göttinger Firmen, die in größerem Umfang Zwangsarbeiter beschäftigt hatten, in einem Schreiben über meine diesbezüglichen Erkenntnisse informiert worden. Teilweise unabhängig von diesem Schreiben, aber zum Teil auch durch meinen Brief angestoßen sind inzwischen eine Reihe von Göttinger Firmen der "Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft" beigetreten. Eine der ersten war "Zeiss", dann die "Aluminiumwerke", heute "Alcan", die hier nur eine Dependance in Göttingen haben, "Ruhstrat", sowohl die Göttinger als auch die Bovender Firma, "Sartorius", "Feinprüf" (heute "Carl Mahr"), "Steritex" (früher "Schneeweiß"), "Linos Photonics", früher "Spindler & Hoyer", inzwischen auch "4 P Rube" und "Mehle", auch die "Guitinga Versicherung" und die "Devologen AG", eine relativ kleine, erst nach dem Krieg gegründete Firma, die aber erfreulicherweise als eine der wenigen Firmen die Aussage von der allgemeinen Verantwortung der deutschen Wirtschaft ernst genommen hat. Es gibt aber auf der anderen Seite auch Firmen, mit denen ich zum Teil ausführlich korrespondiert habe, wo ich nicht verstehe, dass diese noch nicht beigetreten sind, z.B. die "Phywe" oder "Reitemeier", und es gibt einige Firmen, von denen ich damals noch nicht wußte, dass sie Zwangsarbeiter beschäftigt hatte, denen ich also noch nicht geschrieben habe, z.B. "Holz-Henkel" oder einige Göttinger Baufirmen, von denen allerdings sehr viele nicht mehr existieren. Die Göttinger Bauwirtschaft – nicht nur die Göttinger, die Bauwirtschaft insgesamt – war einer der Hauptarbeitgeber für Zwangsarbeiter. In Göttingen haben z.B. "Georg Dawe" oder die Firma "Hildebrandt", die beide heute noch existieren, auch Zwangsarbeiter beschäftigt und sind bisher noch nicht beigetreten. Um noch ein positives Beispiel zu nennen: Die Firma "Bieling", die ich in meinem Zwischenbericht genannt hatte und deren Name daraufhin im Göttinger Tageblatt veröffentlicht wurde: Bieling war damals ein reines Fotogeschäft, das wahrscheinlich während der gesamten Kriegszeit nur einen Zwangsarbeiter und das auch nur vorübergehend hatte. Auf den Presseartikel, in dem es ja vor allem darum ging, darauf hinzuweisen, dass nicht nur die Rüstungsindustrie, sondern auch kleinere Betriebe , auch Fachbetriebe, was für mich selbst überraschend war, Zwangsarbeiter beschäftigt haben, auf diesen Presseartikel hin hat mich der jetzige Inhaber sehr freundlich angerufen und interessiert nach weiteren Informationen gefragt. Was er damit macht, weiß ich nicht, aber das war ein sehr konstruktives und gutes Gespräch, ohne Aggressionen und Vorwürfe, unter dem Motto "Ich wußte bisher nicht, dass auch wir Zwangsarbeiter hatten, und hätte dazu noch ein paar Fragen". Das ist eine Reaktion, wie ich sie mir öfter wünsche.

GOEST: Was ist mit den Kirchen?

Tollmien: Ja, die Kirchen und deren sozialen Einrichtungen. Ich habe auch hier mit den zuständigen Gremien, also mit dem Superintendenten des Stadtkirchenkreises Göttingen und dem Dechanten von St. Paulus telefoniert und mich darüber informiert, was die Göttinger Kirchen in der Frage der Zwangsarbeiter tun bzw. vorhaben. Ich muß allerdings sagen, dass die Kirchen im Moment wirklich nicht mein Forschungsschwerpunkt sind, weil – ich erwähnte das schon vorher - ich eben nur eine Person bin, deren Kräfte begrenzt sind. Die evangelische Kirche, das ist ja durch die Presse gegangen, hat sich entschlossen, sich mit zehn Millionen an der Stiftungsinitiative zu beteiligen. Außerdem gibt es eine überregionale Initiative, über Zwangsarbeiter in der evangelischen Kirche und vor allem in der Diakonie - der größte Anteil von Zwangsarbeitern in wohl in der Diakonie zu erwarten, in den Krankenhäusern, Altersheimen, sonstigen Pflegeeinrichtungen, Bethel beispielsweise ist ja auch durch die Presse gegangen - da gibt es also eine Initiative, die Situation von Zwangsarbeitern in der evangelischen Kirche zu erforschen. Für die hannoversche Landeskirche, die ja auch ein landeskirchliches Archiv in Hannover betreibt, weiß ich, dass die entsprechenden kirchlichen und diakonischen Einrichtungen inzwischen in einem Rundschreiben aufgefordert wurden, ihre Archive nach eventuell noch vorhandenen Unterlagen zu durchforsten und diese dann an das Landeskirchenarchiv weiterzuleiten.

Die katholische Kirche hat ja anders als die evangelische Kirche die Entscheidung getroffen, sich nicht der Stiftungsinitiative anzuschließen, sondern ihre Zwangsarbeiter individuell zu entschädigen, also nur diejenigen, die direkt in Einrichtungen der katholischen Kirche beschäftigt waren. Ein Argument war dabei, und das, finde ich, ist ein richtiges Argument, dass die landwirtschaftlichen Arbeiter, die in der Landwirtschaft beschäftigten Zwangsarbeiter, die einen großen Anteil der kirchlichen Zwangsarbeiter stellten, von der Entschädigung weitgehend ausgenommen sind. Denn eine Voraussetzung für einen Anspruch auf Entschädigung nach dem Stiftungsgesetz ist Zwangsarbeit unter "haftähnlichen Bedingungen", also im KZ oder einem anderen Lager. Und das ist in der Landwirtschaft in den seltensten Fällen gegeben gewesen. Was ich dagegen für ganz problematisch halte, ist die Tatsache, dass die katholische Kirche nur ihre eigenen Zwangsarbeiter entschädigen will, damit also genau das patriarchalische Abhängigkeitsverhältnis wiederholt, das schon der damaligen Zwangsarbeitssituation zugrundelag. Ich persönlich hätte es dagegen sehr gut gefunden, wenn die katholische Kirche wie die evangelische Kirche 10 Millionen Mark genommen hätte und einen eigenen Fond für ehemalige landwirtschaftliche Zwangsarbeiter oder auch die in den Haushalten oder Krankenhäusern eingesetzten "Ostarbeiterinnen" eingerichtet hätte, die nach dem Gesetz keinen Anspruch auf Entschädigung haben, um diesen vielleicht nach dem Kriterium der Bedürftigkeit, darüber müßte man dann diskutieren, auch eine kleine finanzielle Unterstützung zukommen zu lassen. Das wäre eine sehr gute Sache gewesen. In diesem Punkte, finde ich, hat auch die evangelische Kirche nicht lange genug nachgedacht. Es wäre gut gewesen, wenn sich auch die evangelische Kirche überlegt hätte, dass eben ein Großteil ihrer Zwangsarbeiter tatsächlich nicht, so heute überhaupt noch leben, in den "Genuß" einer Entschädigung kommen werden, weil die gesetzlichen Vorgaben doch sehr eng sind. Und dann hätte man entsprechend, wie eben für die katholische Kirche oder auch mit ihr gemeinsam, verfahren können.

GOEST: Abschließend würden wir gern wissen, was mit Ihrem Endbericht geschieht, wenn er vorliegt.

Tollmien: Also in der kurzen Zeit - ich arbeite ja offiziell erst seit April an dem Thema - ist es natürlich nicht möglich, einen publikationsfähigen Endbericht, also ein Buch vorzulegen. Ich werde daher zunächst einen verglichen mit meinem Zwischenbericht genaueren, detaillierteren Bericht vorlegen, in dem insbesondere für die städtischen Einrichtungen so genau wie möglich dargestellt wird, wie viele Zwangsarbeiter dort waren, woher sie kamen - manchmal haben wir ja auch Namen - und unter welchen Bedingungen sie arbeiten mußten, soweit dies feststellbar ist. Oft kann man auf die Lebens- und Arbeitsbedingungen nur im Analogschluß schließen, aus anderen Quellen für andere Arbeitseinsätze an anderen Orten; man kann solche konkreten Bedingungen nicht immer für jeden einzelnen Einsatzort feststellen. Also so viele Informationen wie möglich über die städtischen Zwangsarbeiter werden sicher in diesem Bericht enthalten sein und dann vielleicht noch ein Überblick über die Zwangsarbeiterbeschäftigung in den Göttinger Privatbetrieben, aber auch bei der Reichsbahn und der Wehrmacht, die ebenfalls sehr viele Zwangsarbeiter beschäftige. Auch eine Auflistung aller Göttinger Lager, soweit bisher bekannt, wäre denkbar. Ich bin ursprünglich von vierzig Lagern im Stadtkreis ausgegangen, inzwischen weiß ich, das es sicher mehr waren. Aber wie genau mein Bericht aussehen wird, steht im einzelnen noch nicht fest; das hängt natürlich auch von der noch keineswegs abgeschlossenen Auswertung der Quellen ab.

Neben der Präsentation der Ergebnisse werde ich der Stadt in diesem Bericht auch Vorschläge machen, wie mit meinen Ergebnissen umgegangen werden sollte – nach meinen Vorstellungen. Das sind allerdings dann meine Vorstellung als Privatperson Cordula Tollmien, über die die Stadt bzw. die zuständigen politischen Gremien erst noch zu entscheiden hätten. Ich werde der Stadt zum einen vorschlagen, dass sie prüfen soll, ob und in welcher Form sie der Stiftungsinitiative betreten will. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Stadt diesbezüglich dem Beispiel des Landkreises Göttingen folgt, der einen symbolischen Beitrag von 100 000 DM in den Stiftungsfond eingezahlt hat. Darüber hinaus - und meines Erachtens vielleicht noch wichtiger - wäre mein zweiter Vorschlag, dass sich die Stadt zum Koordinationszentrum einer Initiative macht, die zum Ziel hat, möglichst viele der ehemaligen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nach Göttingen einzuladen. Ich weiß auch aus den Erfahrungen in anderen Städten - Hannover z.B. hat das im Mai dieses Jahres gemacht, in Bremen werden seit Jahren regelmäßig ehemalige Zwangsarbeiter eingeladen - , dass man eine solche Einladung nicht übers Knie brechen kann und dass sich ein solches Vorhaben auch nicht in wenigen Wochen realisieren läßt, sondern intensiver Vorbereitung bedarf. Und dafür brauchen wir dann auch nicht nur die Koordinationsarbeit der Stadt, die dafür einen Verantwortlichen benennen sollte, sondern die Mitarbeit und Hilfe beispielsweise der Gewerkschaften, der Universität, der deutsch-polnischen Gesellschaft, der deutsch-französischen Gesellschaft oder verschiedener anderer entsprechender Organisationen. Wir brauchen Dolmetscher, eventuell, wenn eine größere Gruppe kommt, für mehrere Sprachen gleichzeitig, wir brauchen eine individuelle Einzelbetreuung möglichst rund um die Uhr - das geht dann nur mit ehrenamtlichen Helfern. Wir müssen also wirklich überlegen, wie wir das im Einzelnen gestalten. Es müssen ja nicht unbedingt Gruppeneinladung sein, man kann ja auch immer mal wieder Einzelne einladen, drei oder vier pro Jahr. Das muß im Einzelnen genau überlegt werden, dafür muß ein Arbeitskreis gebildet werden, in dem ich dann natürlich gerne mitarbeiten werde, aber eben auch nur mitarbeiten, das kann ich nur anregen, nicht mehr selbst organisieren. Wichtig ist dabei natürlich auch die Frage der Finanzierung, und da ist dann auch nicht die Stadt allein gefordert, sondern auch noch mal die Göttinger Industrie, die ihren Beitrag auch zu einem solchen Projekt unbedingt leisten muß.

GOEST: Wie schätzen Sie die Bereitschaft der Göttinger Industrie ein, sich daran zu beteiligen?

Tollmien: Das ist schwer zu sagen! Ich hoffe sehr, sie wird groß sein, um es diplomatisch auszudrücken. Wir haben die Vorbilder in anderen Städten, wir haben auch Erkenntnisse darüber, wie wichtig eine solche Einladung für die wenigen überlebenden ehemaligen Zwangsarbeiter ist, vielleicht sogar in vielen Fällen sogar wichtiger als die materielle, ja auch nur sehr geringe Entschädigung von 5.000, maximal 15.000 DM – die letztere Summe nur für ehemalige KZ-Häftlinge: Als Gast, ja vielleicht sogar Ehrengast an den Ort ihrer damaligen Leiden zurückzukehren, zu erfahren, dass das Unrecht, das ihnen angetan wurde, wahrgenommen wird, das ist in seiner Bedeutung für viele der immer schon sehr alten, oft auch sehr kranken ehemaligen Zwangsarbeiter gar nicht zu überschätzen. Sichtbar zu sein, ist ein Menschenrecht, und zu diesem Recht sollten wir den ehemaligen Zwangsarbeitern verhelfen und daran wird sich - so hoffe ich - ich auch die Göttinger Industrie beteiligen. Anders ist das auch gar nicht vorstellbar: Oder wie sollen wir den ehemaligen Zwangsarbeitern erklären, wenn sie vielleicht eine Besichtigung ihres ehemaligen "Arbeitsplatzes" wünschen, dass die Firma XY zwar heute immer noch existiert und es ihr so weit auch ganz gut geht, sie sich aber leider nicht in der Lage sah, einen Beitrag zu dem geplanten Besuchsprogramm zu leisten oder aber - noch schlimmer - noch nicht einmal der Stiftungsinitiative beigetreten ist.

GOEST: Uns würde noch interessieren, welche Schwierigkeiten bei der Recherche aufgetreten sind. Soweit Sie das namentlich benennen können, mögen Sie das tun, ansonsten reicht es ja anonym zu sagen, welcher Art die Reaktionen waren, ob es bewußte Behinderungen gab oder Dinge geschehen sind, wie z. B. dass eine Betriebskartei einfach vernichtet wurde. Es ist ja auch zu befürchten, dass jetzt so etwas passiert...

Tollmien: Weniger vielleicht als früher – ich weiß es nicht genau. Ich hoffe es. Ich habe bisher nicht systematisch in den Betriebsarchiven recherchiert – auch das wieder aus Kraft- und Zeitgründen. Ich habe mich bisher auf die Überlieferung in den öffentlichen Archiven beschränkt und dort gibt es, das habe ich auch in meinem Zwischenbericht geschildert, eben eine Vielzahl von Akten, die durchgesehen werden müssen, was sehr aufwendig ist, da man in einer 500 Blatt starken Akten eventuell eben nur einen einzelnen Zettel zum Thema findet, der dann aber vielleicht doch einen entscheidenden Hinweis enthält. Einige Betriebe der Göttinger Industrie sind aber von sich aus initiativ geworden und haben die in Göttingen angesiedelte "Gesellschaft für Unternehmenshistorie und Medientechnik mbH" beauftragt, über die bei ihnen beschäftigen Zwangsarbeiter zu forschen: "Sartorius" hat das gemacht, die Firma "Carl Mahr" und auch "Steritex". Ich finde das sehr begrüßenswert, auch wenn die Aufträge zeitlich so begrenzt waren, dass in allen Fällen eigentlich nur Ansätze für eine noch zu leistende intensive Erforschung der Arbeits- und Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter in den jeweiligen Betrieben möglich waren. Aber immerhin, diese Ansätze, Anfänge sind da, darauf können andere Forscher aufbauen, und ich würde mir wünschen, dass sich noch mehr Göttinger Firmen zu einem solchen Auftrag entschließen könnten. So weiß ich etwa von der Firma "Ruhstrat", dass es dort wohl noch ein sehr gut erhaltenes Firmenarchiv gibt, das dringend ausgewertet werden müßte. Kurz gesagt: Ich persönlich habe bisher bei keiner Firma angefragt, ob ich in ihr Archiv kann und habe daher auch noch keine Zurückweisung erfahren. Wir, das heißt das Göttinger Stadtarchiv, haben im Gegenteil von einigen Firmen von selbst Material zur Verfügung gestellt bekommen, so wurde dem Archiv z.B. eine Ausländer-Betriebskartei übergeben, die sogar Fotos der ehemaligen Zwangsarbeiter enthält. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass der Archivzugang heute einfacher ist, nachdem die Entschädigungsfrage und das, was die Firmen befürchtet haben, nämlich hohe Zahlungen, nachdem das über die Stiftungsinitiative erledigt ist. Aber das wird sich im Einzelfall erweisen. Für die von mir langfristig geplante Monographie über Zwangsarbeiter in Göttingen werde ich sicher noch einmal an einzelne Firmen herantreten, und dann wird sich zeigen, inwieweit sie ihre Archive öffnen, auch mir als Person öffnen werden.

GOEST: Wozu die Firmen ja nicht verpflichtet sind.

Tollmien: Nein, gar nicht, sie sind dazu nicht verpflichtet. Ich kann nur um Zugang bitte und zugleich einen Appell starten, alles, was in den Firmenarchiven zu diesem Thema noch vorhanden ist, möglichst dem Göttinger Stadtarchiv zu übergeben und so der Forschung allgemein zugänglich zu machen, oder aber zumindest Historiker oder Historikerinnen in ihre Archive zu lassen und sie dort auch ein wenig herumsuchen zu lassen, also nicht gleich zu beschränken, nicht gleich zu sagen. "hier alles, was sie suchen, kann nur in diesem Ordner sein". Es wird ja in den Betriebsarchiven nicht anders sein, als es mir im Stadtarchiv ergangen ist. Es steht ja in der Regel nicht auf der Akte drauf "Zwangsarbeiter" oder "Fremdarbeiter" oder "Ausländer". Man wird daher oft an ganz unerwarteten Orten fündig, beispielsweise in den Abrechnungen, den Bilanzen, da müßten ja Posten auftauchen: für so und so viel Kriegsgefangene so und so viel gezahlt oder Lohnabrechnungen für zivile Zwangsarbeiter müßte es ja eigentlich auch noch geben. Doch da habe ich ehrlich gesagt nicht sehr viel Hoffnung, dass da mal jemand kommt und sagt:"Hier ist unser Archiv, wir haben alles noch aufgehoben, nun gucken Sie mal, ob sie etwas finden." Aber man soll die Hoffnung nie aufgeben, und ich denke, dass die Chancen jetzt besser sind denn je, ...

GOEST: ...nachdem diese Rechtssicherheit....

Tollmien: ...nachdem diese Rechtsfragen geklärt sind, weitgehend geklärt sind zumindest, und seitdem vor allem die allgemeinen Fakten ja nun endlich auf dem Tisch sind: Eine Firma wie "Ruhstrat" oder die "Phywe" - na ja, dort gibt es tatsächlich kein Archiv mehr, die Firma wurde gegen Ende des Krieges bombardiert - wie auch immer, diese Firmen müssen ja nun nicht mehr befürchten, dass jetzt irgend etwas bisher grundsätzlich Unbekanntes entdeckt wird, was sie noch in Mißkredit bringen könnte oder ihrem Ansehen schadet. Im Gegenteil:. Sie könnten eigentlich davon ausgehen, dass die Tatsache, dass sie ihre Archive öffnen, ihnen nur Ansehensgewinn bringt.

GOEST: Vielen Dank für das Gespräch.