Startseite
redaktion@goest.de
Impressum

Die redaktionelle Aktualisierung und Neu-Berichterstattung von goest wurde nach 20 Jahren 2019 stark reduziert.
Besonders häufig abgerufene Archivseiten erhalten gelegentlich ein update; zu besonders wichtigen Themen werden auch weiterhin aktuelle Artikel verfasst, siehe Titelseite / Start



Günter Schäfer
Nordstream
Pipelines - Plausibles und Unplausibles

Der vorliegende Text Anfang ist Anfang Oktober, nach der Sprengung am 26. September 2022 entstanden und wurde am 26./28. Oktober überarbeitet.

Wegen ihrer bekanntermaßen radikalen Ablehnung der Pipelines und der offenen Drohung Bidens, die Pipelines zu zerstören schien anfangs alles für eine Urheberschaft der USA zu sprechen. Da aber eine der Nordstream2 Pipelines unzerstört blieb, schien es plausibel dass die Sprengung auch den Interessen Russlands dienen könnte.

Sprengung der Pipelines, um Forderungen von rechtspopulistischen Strömungen bzgl. einer Nutzung von Nordstream2 den Boden zu entziehen?

In Ostdeutschland werden Demonstrationen befeuert, die zunächst wie eine Fortsetzung der Coronaleugner*innen-Spaziergänge erschienen, in die nun aber neue politische Inhalte eingeschleust werden: Zum Thema „Corona“ werden die Themen Inflation, Ukrainekrieg und Energiekrise hinzugefügt. Bei damit sympatisierenden Personen und Organisationen findet sich auch die politische Forderung nach Öffnung der Nordstream2 Pipeline

Sowohl die von der AfD unterstützte Bewegung, vor allem in Sachsen und Thüringen, wie natürlich die AfD selbst, pflegen eine offen gelebte Nähe zur Politik der russischen Regierung. Auch andere andere nationalistische, rassistische Parteien in Italien (Meloni, Berlusconi, Salvini), in Frankreich (Marie Le Pen), in Ungarn (Urban) und Schweden (Partei „Schwedendemokraten“) sowie ein in die US-Politik einwirkender Trump weigern sich ebenfalls, Feinde Russlands zu sein..

Die Erfolge einer russlandfreundlichen Partei bei Wahlen und wachsende Demonstrationen in (Ost-)Deutschland stehen im Gegensatz zur Politik der deutschen Regierung, die sich stärker im Bündnis mit den USA in der NATO engagiert. Auch aus Sicht der US-Regierung müssen die aufstrebenden rechtspopulistischen Strömungen in Europa wegen ihrer Russlandfreundlichkeit als Gefahr angesehen werden. Nach Schweden und Italien ist zukünftig auch ein folgenreicher Rechtsruck in Frankreich und Deutschland denkbar. Wer deswegen vorsorglich eine Abhängigkeit Europas von russischen Gaslieferungen ausschließen will, dem wäre eine Zerstörung der Pipelines willkommen. Deshalb schien eine Urheberschaft der USA bei den Sprengungen plausibel; sie schafft Fakten, Gasdurchleitungen werden unmöglich gemacht haben, .... wenn da nicht die weiterhin intakte Leitung von Nordstream2 wäre.

Unplausible und plausible Annahmen für eine Täterschaft Russlands

Die technische, militärische Durchführung der Pipeline-Sprengungen wird für eine Aktion gehalten, die einen hohen logistischen Aufwand mit Spezialgerät und Material erfordert hat, weswegen auf jeden Fall nur ein „staatlicher Akteur“ in Frage käme. Welcher Staat war es also?

Einige Auffassungen gehen davon aus, Russland wollte mit der Sprengung seine Macht zeigen, die gesamte Infrastruktur an Elektro- , Daten- und Erdgasleitungen in der Ostsee zu unterbrechen. Dies hätte dann aber nicht die Sprengung an 4 verschiedenen Stellen bei beiden Nordstream-Pipelines erforderlich gemacht. Um die Fähigkeit zu einer solchen Sprengung zu demonstrieren hätte auch eine einzige Sprengung gereicht.

Um Gaslieferungen über die Nordstream-Pipelines zu verhindern, hätte Russland diese nicht sprengen müssen, denn Russland kann - wie praktiziert - in eigenem Ermessen die Gaslieferungen einstellen, die Verntile einfach schließen. Warum also sprengen, um eine Durchleitung zu verhindern, wenn schon keine Durchleitung mehr stattfand. Um die Gaslieferungen zu verknappen, hätte eher die Sprengung von Gas führenden Pipelines aus Norwegen beigetragen.

Als Argument für eine Urheberschaft Russlands wurde in einigen Medien angeführt, dass infolge der Pipeline-Sprengungen der Gaspreis gestiegen sei und dadurch Russland höhere Erlöse im Gasverkauf erzielen könne. Dabei bleibt unerwähnt, dass der gestiegen Gaspreis auch den USA höhere Erlöse für ihr Frackinggas bringt und so für die USA das gleiche Motiv gelten könnte. Außerdem ist dieser Gaspreisanstieg nicht Folge einer Verknappung von Gas durch die PipelineSprengung, sondern nur einer psychologischen Wirkung auf den Rohstoffmärkten geschuldet, denn die Sprengung von Pipelines durch die kein Gas fließt, führt auch zu keiner Verknappung des Gas-Angebotes auf dem Weltmarkt.

Bis dato ist eine von 2 Pipelines der Nordstream2 auch nach den Sprengungen weiterhin funktionsfähig geblieben. Wer die Pipelines sprengte und eine Leitung intakt ließ, wollte also weiterhin die Lieferung von russischem Gas nach Europa ermöglichen, denn diese eine Leitung von Nordstream2 könnte die Funktion immer noch erfüllen. Putin hat nach dem Stop der Gaslieferungen über Nordstream1 mehrfach darauf hingewiesen, man könne ja stattdessen Gas über Nordstream2 liefern, dies ist also weiterhin möglich. Die rechtsradikalten, russland-freundlichen „Freien Sachsen“ assistierten wie gerufen und forderten ganz im Sinne Russlands mit Transparenten auf ihren Demonstrationen die Öffnung von Nordstream2 .

Welche Interessen könnte Russland daran haben, Pipelines zu sprengen und das Pipeline-Angebot auf eine der angestrebten Nordstream2-Leitungen zu lenken? Denkbar, dass den USA die Sprengungen angelastet und gleichzeitig der Druck auf Deutschland zur Nutzung der verbliebenen Nordstream2 Leitung erhöht werden sollte.

Seitens Russlands hätte es besondere Möglichkeiten für eine Zerstörung ihrer Pipelines gegeben. Schon bei der Verlegung der Röhren hätte Russland Sprengsätze als „Abschaltvorrichtungen für den Ernstfall“ anbringen können. Prinzipiell denkbar ist möglicherweise auch ein Transport von Sprengstoff von Russland aus im Inneren der Röhre.

Ist erst einmal der Verdacht gegen die USA erhärtet, könnte Russland damit ein psychologischer Coup gelungen sein. Die Drohungen der USA gegen Nordstream2 macht sie zum Verdächtigen in Sachen Pipeline-Sprengung und Russland muß nicht mehr begründen, warum kein Gas über Nordstream 1 geliefert wird.

Die USA haben sich vorab einer möglichen Täterschaft verdächtig gemacht.

Ein jahrelang offen ausgesprochenes Ziel der US-Regierungen war es, die russischen Gaslieferungen nach Europa zu bekämpfen. Die Drohungen eskalierten mit den Kriegsvorbereitungen Russlands. Es war schockierend als Biden vor Beginn des Russland-Ukraine-Krieges die bislang von Deutschland offen gehaltene Option einer Nordstream 2 – Nutzung mit der Zerstörung der Pipelines drohte, für den Fall , dass russische Panzer über die ukrainische Grenze hinweg angreifen. Auf die Frage einer Reporterin, wie er verhindern wolle, dass Deutschland Gas über Nordstream2 beziehe, antwortete Biden, man solle gewiss sein, dass die USA die Fähigkeit dazu hätten und das auch machen würden.

Der wenig vertrauenswürdige Radoslaw Sikorski, immerhin ein ehemaliger polnischer Verteidigungsministers (!), hatte am 27.9. ein Foto vom Ort der aufsteigenden Gasblasen als Symbol der Infrastruktur-Sabotage kommentiert mit: „Danke USA!“ . Die USA waren not amused und auf dem Twitteraccount von Sikorski war dieser Text am 29.9. bereits wieder gelöscht worden.  

Um Europa definitiv von russischen Gaslieferungen über die Nordstream-Pipelines abzuschneiden hätten ALLE Nordstream2-Pipelines zerstört werden müssen. Nun ist aber gerade die Nordstream2 Pipeline garnicht völlig zerstört worden, wodurch die Urheberschaft der USA in Zweifel gezogen werden kann. Denn aus welchem Grund sollten die USA dann eine Leitung unbeschädigt lassen wenn sie sich schon zu einem solch massiven Schritt entschlossen haben? Wenn allerdings nachträglich eine Sprengladung an oder in der intakten Pipeline gefunden würde, die nur wegen eines technischen Mangels nicht gezündet hatte, dann würde dieser Grund für einen Zweifel an der US-Urheberschaft entfallen.

Wie dem auch sei, die gesamte Entwicklung bietet den USA Vorteile im Hinblick auf eine zukünftige Zuspitzung militärischer Konflikte mit China

Die mit der Ostpolitik Deutschlands angestrebte Verbindung des wirtschaftlichen Schwergewichts Deutschland mit dem ressourcenreichen Russland war immer ein Bedrohungsszenario für die USA. Sie hätte einen Keil zwischen Europa und USA getrieben. Infolge des Ukraine-Krieges kommt es zu einer vollständigen Trennung Deutschlands und Russland, stattdessen wird Deutschland mittelfristig vom Fracking-Gas der USA abhängig. Die Abhängigkeit Deutschlands von Russland wird ersetzt durch die Abhängigkeit von den USA. Vor der Abhängigkeit eines totalitären Russland zu warnen und die Zusammenarbeit mit den USA als einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft zu glorifizieren ignoriert geflissentlich die Tatsache, dass die Demokratie in den USA von rasanten Rechtsentwicklungen und Leuten wie Trump bedroht wird.

Wenn sich der Konflikt zwischen USA und China im südchinesischen Meer und Chinas Invasionsabsichten gegenüber Taiwan verschärft, dann wird Europa zur Unterstützung der USA aufgefordert sein. Aufgrund der neuen Abhängigkeiten wird Deutschland noch stärker als bisher schon in eine Allianz mit den USA gezwungen werden. Eine kritische Haltung gegen militärische Schritte der USA könnte dazu führen, dass die Lieferung von Flüssiggas gedrosselt würde – unter welchem Vorwand auch immer.

Strategisch ergibt sich für die USA also eine Schwächung Europas durch die Abkoppelung von günstig beschaffbarer Energie aus Russland. Diese Schwächung trifft auch Europa als Konkurrenten und Handelspartner der USA auf wirtschaftlichem Gebeit. Europa wird geschwächt durch europäische Sanktionen gegen Russland. So schwächen sich Russland und Europa gegenseitig und es werden gleich zwei Konkurrenten der USA geschwächt, während die USA hohe finanzielle Einnahmen aus dem Verkauf von US-Flüssiggas an Europa verzeichnen. Die Gewichte verschieben sich zugunsten der USA.

Russland hat aufgrund der Sanktionen eine  Annäherung an China gesucht. Erdöl und Gas wird günstig an China geliefert und Russland unterstützt im Gegenzug den chinesischen Anspruch auf Taiwan als Teil der VR China. Dies alles wird die wirtschaftliche Schwächung Russlands nicht aufhalten. Die ständig massiver werdenden Waffenlieferungen an die Ukraine und entsprechende militärische Erfolge bringen die russische Regierung in Bedrängnis. Ein Regierungswechsel in Russland mit westlicher Orientierung würde auch für China ein Verlust an Rückhalt durch Russland bedeuten. All das wären aus Sicht der USA sinnvolle Entwicklungen in der Vorbereitung auf einen großen Konflikt zwischen USA und China.

------------------------* * * ------------------------

Hinweis auf Seiten in goest in Verbindung mit dem vorliegenden Artikel:

Krieg
China
China-Nanjing

Russland

Ukraine
Europa

Energiepreise und Protest

Coronamaßnahmen spalten links-alternative Szene