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Medien

Kampf um Öffentlichkeit in Duderstadt - Medien verhindern Veröffentlichung von Kritik

Streik in Göttinger Redaktionen
Göttinger Tageblatt und die Geschichte der Studentenbewegung
Kritik an "Hofberichterstattung für die KWS" zum Thema Gentechnik

> Freie MitarbeiterInnen in Medien und Kunst

Duderstadt - Medien verhindern Veröffentlichung von Kritik

Ein Leserbrief des Vorsitzenden der Geschichtswerkstatt Duderstadt, Götz Hütt, an das Eichsfelder Tageblatt wurde nicht abgedruckt. Hier der Wortlaut:

Verharmlosung der Konzentrationslager - Das kann nur den braunen Bodensatz in unserer Gesellschaft stärken: "Ich bin doch hier nicht im KZ", bemerkte Lothar Koch im Duderstädter Stadtrat, als ein Redner der Opposition sich gegen störende Zwischenrufe des stellvertretenden Ratsvorsitzenden und Landtagsabgeordneten zur Wehr setzte. Koch sagte weiter: "KZ steht für mich für nicht vorhandene Gedanken- und Redefreiheit." Für die Häftlinge dagegen bedeuteten die Konzentrationslager noch ganz anderes: Entwürdigung, Hunger, körperliche Gewalt, Massenmord. Die Äußerungen von Lothar Koch verharmlosen also das KZ-System auf unerträgliche Weise. Der CDU-Pollitiker kann sich deshalb nicht einfach mit der Floskel "völlig unangemessen" aus der Affäre ziehen wollen, sondern muss seine Äußerungen inhaltlich begründet zurücknehmen, will er sein durch ihn selbst beschädigtes Ansehen als Volksvertreter im demokratischen Rechtsstaat wiederherstellen. (>>Quelle)

Eine Pressemitteilung der Geschichtswerkstatt wurde ebenfalls der Öffentlichkeit vorenthalten. Ihr Inhalt:

Mit Empörung wurde in der Jahreshaupt-versammlung der Geschichtswerkstatt Duderstadt aufgenommen, dass der stellvertretende Bürgermeister Koch (MdL) in der letzten Stadtratssitzung Konzentrationslager verharmloste und der Ratsvorsitzende Vollmer dagegen nicht einschritt. Dieser Vorgang muss nach Ansicht der Geschichtswerkstatt unverzüglich bereinigt werden, zumal er die Glaubwürdigkeit der Gedenkfeier der Stadt am 27.1.2012 für die Opfer der national-sozialistischen Gewaltherrschaft in Frage stellt.
Die Mitglieder des Vereins Geschichtswerkstatt beanstandeten, dass Lothar Koch in der Ratssitzung zahlreiche eigene Zwischenrufe mit den Bemerkungen "Ich bin doch hier nicht im KZ" und "KZ steht für mich für nicht vorhandene Gedanken- und Redefreiheit" verteidigt hatte. Solche Äußerungen bedeuteten eine gestörte Geschichtswahrnehmung. Schließlich hätten die Häftlinge der Konzentrationslager Freiheits-beraubung, Entwürdigung, Hunger, körperliche Gewalt und Tod erleiden müssen. Kritisiert wurde auch der Ratsvorsitzende Vollmer, weil er die Äußerungen von Koch nicht gerügt hatte. Beide Repräsentanten der Stadt wird die Geschichtswerkstatt brieflich dazu auffordern, ihr Verhalten unverzüglich zu revidieren. Solange im Stadtrat Konzentrationslager verharmlost würden, könne die Stadt am 27.1.2012 der Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht glaubwürdig gedenken. Beides passe nicht zusammen.
Die beiden floskelhaften Worte "völlig unangemessen" des stellvertretenden Bürgermeisters Koch am nächsten Tag gegenüber der Presse, so die Versammlung, reichten nicht, um die Affäre zu bereinigen. Vielmehr müsse Koch, nachdem er den demokratischen Konsens in Frage gestellt habe, sein Missverständnis von Konzentrationslagern inhaltlich und öffentlich bereinigen. Der Ratsvorsitzende Vollmer wird sein Verhalten erklären und darlegen müssen, wie er künftig eventuelle Verharmlosungen des Nationalsozialismus im Stadtrat unterbinden werde. Die Geschichtswerkstatt wird beide Politiker deswegen anschreiben.
(>>Quelle)


Um den Standpunkt der Geschichtswerkstatt Duderstadt an die interessierte Öffentlichkeit zu bringen, wollten die Mitglieder als letztes Mittel in die Ausgabe des Eichsfelder Tageblatts vom 27.1.2012 eine Anzeige mit folgendem Text setzen:

"Die Verharmlosung von Konzentrationslagern im Stadtrat durch Lothar Koch, gebilligt durch das Schweigen einer großen Mehrheit, ist unvereinbar mit der heutigen Gedenkfeier der Stadt für die Opfer des Nationalsozialismus und muss inhaltlich zurückgenommen werden. Geschichtswerkstatt Duderstadt. Das Eichsfelder Tageblatt verweigerte jedoch die Annahme dieser Anzeige mit der Begründung, das Tageblatt sei überparteilich, die Anzeige aber "meinungsbildend". Die Frage, warum das Tageblatt meinungsbildende Anzeigen politischer Parteien durchaus veröffentliche, die unseres Vereins aber nicht, wurde mit Schweigen beantwortet." (>>Quelle)

 

Alternative Medien?

goest 7.1.12

Vorbemerkung / Zum 9.1.12 , 19 Uhr im Holbornschen Haus ist eine Veranstaltung angekündigt in deren Rahmen sich eine Podiumsdiskussion mit der Frage "Brauchen wir noch Alternativmedien?" beschäftigen soll. Veranstalter ist die Redaktion von "Monsters of Göttingen - Magazin für Pop- & Subkultur". Zum Podium wurden eingeladen: ein Redakteur der hiesigen Monopol-Tageszeitung "Göttinger Tageblatt", ehemalige Aktivisten der eingestellten "Göttinger Wochenzeitung" bzw. "Neuen Göttinger Wochenzeitung" . Zur Garnierung sollen Vertreter anderer Medien á la "Betroffenen-Sofa von Anne Will" kurz interviewt werden. Die Fragestellung "Brauchen wir noch Alternativmedien?" war uns schon etwas merkwürdig bzw. abwegig vorgekommen, die Einladung eines GT-Redakteurs als Experte für eine Diskussion über alternative Medien ebenso. Der Vorschlag, sich auf einem Betroffenensofa in dieser Umgebung interviewen zu lassen hat uns nicht gefallen. Stattdessen haben wir einfach mal ein paar Notizen dazu niedergeschrieben, was uns zum Thema Alternativemedien so spontan einfiel.

"alternativ" drückt sich in Zielen und Organisationsformen aus / Alternative Projekte allgemein unterschieden sich zu Beginn vor allem durch andere Ziele von jenen, die als Wirtschaftsunternehmen am Markt sind. Nicht Geldverdienen stand im Vordergrund bei der Entstehung der ersten Projekte, sondern politische Ziele, Qualitätsorientierungen und Ideale. Im alternativen Lebensmittelhandel und der bäuerlichen Produktion war dies anfangs z.B. die Orientierung an gesunden Lebensmitteln statt der möglichst profitablen Produktion unter Inkaufnahme von geringen Verdiensten. In "Alternativbetrieben" drückte sich die Neuorientierung auch darin aus, dass neben der Wahl alternativer Produkte neue nicht-hierarchische Organisationsformen der Selbstverwaltung angestrebt wurden.

Im Bereich Medien gab es verschiedenartige Alternativ-Ansätze : Einer dieser Ansätze Anfang der 70er Jahre wurde repräsentiert durch den "Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten - ID Frankfurt - Zentrum für alternative Medien" , selbstverständlich völlig unabhäng und nicht-kommerziell - politisch radikal und kompromißlos kritisch, dafür aber ständiger polizeilicher Beobachtung und Repression ausgesetzt. Einen Überblick über die Alternativmedien gab der Ableger des ID Frankfurt in seinem regelmäßig erscheinenden Verzeichnis der alternativen Medien - in dem u.a. auch Göttingen Erwähnung findet: "Es ist unmöglich, daß dieses Vierfarben-Glamour-Werbewichsheftchen als Alternativzeitung bezeichnet wird." (Kommentar zum "Hiero Itzo", einem Göttinger Stadtmagazin in den 80er Jahren). Das Vorwort zum Verzeichnis 1997 ist übrigens eine lesenswerte Abhandlung über Alternativmedien.

Stadtzeitungen, Medien "von Unten" Einen etwas anderen Ansatz verfolgten die Stadtzeitungen mit ihrem starken Bezug auf die jeweilige Stadt. Sie folgten als alternative Medienprojekte dem "Basis"-Ansatz". Dazu gehörte auch die "Göttinger Stadtzeitung", ein monatlich erscheinendes Heft, das im Keller des damaligen "Grünen Zentrums" Geiststr. 1, mit Schreibmaschine und Klebetechnik produziert wurde. Man orientierte sich an Stadtteilarbeit, Geschichtswerkstatt, Enthüllungsjournalismus und Antifaschismus sowie linken, gewerkschaftsoppositionellen Positionen. Wichtige Themen waren damals Hausbesetzungen, Kritik der monopolisierten Lokalpresse und Hofberichterstattung, Entlarvung von Mauscheleien, Anprangerung von Repression und Überwachung, Ergebnisse alternativer Geschichtsforschung .

Wandlung und Anpassung Einige Alternative Medien, gingen mit der Zeit den Weg in die Kommerzialisierung. Ehemals "linke" und "linksalternative Zeitschriften" wurden kommerzialisiert Stadtzeitungsjournalisten verteilten sich wegen Reproduktionsnotwendigkeiten auf öffentlich-rechtliche Medien oder Kommerzsender. Auch aus dem Alternativprojekt im Lebensmittelbereich wurde der Großhandel für Bioprodukte, der sich immer mehr einem normalen kapitalistischen Betrieb annähert. Ehemalige Mitstreiter für ein freies Radio sah man plötzlich die Fronten wechseln. schmerzliches Beispiel war die Auflösung des Radio100 in Berlin. Der ehemalige Wortführer für freie Radios und damalige Geschäftsführer leitete eigenmächtig die Übernahme des Alternativsenders durch den französischen Kommerzsender "Energy Berlin" ein. "ich hätte ihn dafür treten mögen!" / G. Schäfer) Die Wandlungsfähigkeit einiger Alternativprotagonisten kann man auch gut an der Entwicklung des Frankfurter Pflasterstrand nachvollziehen, der sich von einem linksradikalen Alternativ-Medium erst zu einem Magazin mit Werbfuzzi-Gehabe entwickelt hat das dennoch weiterhin meinte, die Welt besser als andere zu verstehen und dann eingestellt wurde.

Theorien während der Entstehungszeit alternativer Medien In der Zeit als alternative Medien in ihren Ideale schwelgten waren In der soziologischen, politischen Diskussion und Literatur Begriffe en vogue wie "herrschaftsfreier Diskurs" (Habermas), "Gegenöffentlichkeit / proletarische Öffentlichkeit" (Negt/Kluge), Medien als Teil der "Kulturindustrie" (Horkheimer/Adorno) und "Bewußtseinsindustrie" (Enzensberger Kursbuch Nr. 20 / 1970). Die Medien als notwendiges Korrektiv, als Kontrollinstanz in der Demokratie, so die Überzeugung, können diese Funktion nur wahrnehmen, wenn sie aus der Umklammerung von Kapital und politischer Macht befreit werden. Hier reihten sich die Anti-Springer-Kampagnen, Enteignet-Springer-Kampagnen ein. (Nebenbei gesagt :ist es insofern ein Treppenwitz der Geschichte, wenn heutzutage die Bildzeitung im Zusammenhang mit der Wulff-Affaire auf der Seite der Pressefreiheit präsentiert wird.)

Von Brechts Radiotheorie zum Internet und einige Fragen
Brecht hat in seiner Radio-Theorie 1932 die Umorientierung der Medien in einer Utopie beschrieben, die heute mit dem Internet eine technische Realisierungsgrundlage gefunden hat: "Der Rundfunkapparat ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln." Der Empfänger sollte, so Brecht gleichzeitig zum Sender werden, so dass ein "ungeheueres Kanalsystem" und der "denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens" entstünde. es wäre oberflächlich mit dem Internet, Blogs, Twitter, Internetradio, schon die Utopie Brechts hier verwirklicht zu sehen. Zwar zeigte die Organisationstechnik der Aufständischen in Tunesien, und Ägypten die Macht dieser neuen Medien aber die Gegentendenzen von Überwachung und Steuerung auch in diesen Medien dürfen nicht unterschätzt werden. Viele Linke tappen bewußtlos in solchen Facebook-Illusionen herum und produzieren nebenbei die herrlichsten Soziogramme und Kommunikationsdatenspuren. Durch unbedachte Diskussionen in Foren und Kommentarspalten breiten sie Informationen aus, die ihnen evtl. in einem zukünftigen Verhör durch den Staatsschutz wieder begegnen, der sich immer weiter von rechtsstaatlichen Prinzipien verabschiedet. An dieser Stelle hätte die Diskussion und Weiterentwicklung einzusetzen mit der Frage "wie kann die Kommunikationsfunktion der neuen Medien ohne die benannten Risiken weiterentwickelt werden?"
Die Ideale der Medienalternativen "Basisinformationen", Transparenz, "herrschaftsfreier Diskurs", Meinungs- und Pressefreiheit, nicht-kommerziell, werbefrei, partei-unabhängig, konsequent kritisch .. erfordern die Bereitschaft die darauf folgenden Angriffe aushalten zu wollen. Gleichzeitig werden Anforderungen an eine journalistische Ethik der Fairness, Wahrhaftigkeit und Toleranz auch gegenüber GegnerInnen gestellt. Dies gilt zunehmend nicht mehr nur für hauptberufliche JournalistInnen sondern für alle Beteiligten im "ungeheuren Kanalsystem" des Internets, auch für die Beteiligung in Blogs und Foren. Schließlich steht bei alternativen Medienprojekten stets die Frage im Hintergrund: welche Finanzierungsmodelle gibt es, die sich mit den Idealen der Unabhängigkeit vertragen und wie kann in einem solchen Projekt dauerhaft die notwendige unbezahlte Arbeitszeit aufgewandt werden.

Zum Schmunzeln:
Und wie sieht der Pressesprecher der Stadt Göttingen (ein ehemaliger GT-Mitarbeiter) die "Pressevielfalt"?
Nachdem er in einem Vortrag die Namen der verschiedenen Werbeblättchen aufgezählt hat meinte er: "Aufgeräumt haben wir damit ein für allemal mit den publizistischen Endzeitvisionen vom Ein - Zeitungs - Kreis. Wir haben - und deutlich mehr und bunter als in anderen Kommunen unserer Größenordnung - publizistischen Wettbewerb." (Anlässlich Alexander-Preis-Verleihung 2009 ) Da blieb uns die Spucke weg. Aufgezählt hatte er u.a. : Kundenzeitung der Stadtwerke Göttingen AG , Kundenzeitung Göttinger Sport , Kundenzeitung Freizeit GmbH, Anzeigenblatt Extra Tip am Sonntag und Anzeigenblatt "Blick", Sponsorfinanzierte Regionalwerbungsblatt "RegJo", Uni-Mitteilungsblatt "Georgia Augusta", "Faktor", das Göttinger Entscheidermagazin, Trends & Fun, das Magazin 37, "Revista", das monatliche Blatt des AStA, "Mensa Spezial", die Hauszeitung des Studentenwerks, "Moskito", das Familien- und Kindermagazin Sportissimo, Veröffentlichung des Stadtsportbundes" und die neue Göttinger Fußballzeitung" .

 

Vorbemerkung der goest-Redaktion:

Im Januar schreckten die Meldungen über eine Messerstecherei in der Innenstadt die LeserInnen des Göttinger Tageblatt auf: >> Messerstecherei in der City
Wir veröffentlichen anbei einen Leserbrief einer Augenzeugin an das GT. Das GT hat ihn bisher (Stand 7.2.11) nicht veröffentlicht. Aus Sicht der Augenzeugin gingen die tätlichen Angriffe zuerst von Passanten aus und nicht vom "Messerstecher". Dieser zog das Messer zur Verteidigung.

- Dokumentation -

An das Göttinger Tageblatt
Lokalredaktion
Betrifft: Leserbrief

zu Ihren Artikeln vom 17.1.11 "Messerstecherei in der City", vom 18.1.11 "Bedrohung, Körperverletzung: Täter vorbestraft" vom 19.1.11 "Opfer der Messerattacke: ’Das war sehr knapp’" und zu dem Leserbrief vom 18.1.11 "Humanismus und Hilfsbereitschaft sind gefragt"

Als zunächst nur beobachtende, dann auch teilnehmende Zeugin an dem Handgemenge mit leider so blutigem Ausgang melde ich mich erst heute zu Wort.
Zunächst musste ich mich von dem Schrecken erholen, dann war ich mit ausführlicher Aussage auf dem Polizeirevier und Beratung mit einer Anwältin beschäftigt. Und auch die Art und Tendenz der Berichterstattung im GT verschlug mir zunächst die Sprache.
Um das Wichtigste vorweg zu nehmen, als Kernaussage zu dem äußerst bedauerlichen Vorfall:
Es wäre zu keiner Gewalttat gekommen, wenn der wahrscheinlich psychisch gestörte" Täter" nicht zuerst von mehreren Männern heftig körperlich angegriffen und äußerst bedrohlich bedrängt worden wäre.
Als Mitglied des Göttinger Friedensbüros war ich an dem fraglichen Samstag auf dem Markt vor dem alten Rathaus an einem Infostand dabei Unterschriften gegen die fortgesetzte Beteiligung der Bundeswehr an dem Krieg in Afghanistan zu sammeln.
Ich hatte während zirka einer halben Stunde Zeit den "Täter" zu beobachten, der einige Meter hinter unserem Infostand Aufstellung genommen hatte, und wie ein verwirrter Wanderprediger unablässig und sehr laut in monotoner Wiederholung seine Botschaft schrie: "Scheiß Deutschland!"
Er bewegte sich dabei nicht von der Stelle, reagierte nicht auf Passanten, weder mit Blicken noch mit Gesten. Und außer seiner Schreierei ging von ihm keine, vor allem keine körperliche, Provokation aus.
Die meisten Passanten ignorierte ihn, manche lachten, einige sagten im Vorbeigehen: "Dann gehen Sie doch dahin zurück, wo Sie hergekommen sind." Denn Aussehen, Akzent und seine "Botschaft" schienen ihn als Ausländer zu kennzeichnen Ich selbst hielt ihn für einen sehr verwirrten Menschen, der wohl unter einem starken inneren Druck stand seine "Botschaft" aus sich heraus zu schreien.
Aber sehr plötzlich änderte sich die Situation dramatisch. Ein auf den Schreier stark verärgert wirkender Mann mit Handy blieb vor ihm stehen. Schnell folgte ein weiterer Mann, warf dem Schreier einen Gegenstand an den Kopf und traf, Der Schreier rief jetzt etwas und bewegte seine Arme. Blitzschnell stürzte sich nun der Werfer auf ihn und prügelte auf ihn ein, der Schreier wehrte sich heftig.
In diesem Moment mischte ich mich ein und versuchte die Beiden zu trennen. Manchmal kann man ja als Frau in solchen Momenten deskalierend wirken. Aber beide reagierten nicht auf mich und vor allem stürzten sich im gleichen Moment drei, vier weitere Männer prügelnd auf den Schreier.
Ich erinnerte mich an Situationen in denen Ausländer oder Behinderte von mehreren Schlägern zu Boden gezwungen und totgetreten wurden. Dies wollte ich auf keinen Fall einfach geschehen lassen und blieb deshalb in engem körperlichen Kontakt mit der Gruppe der Prügelnden.
Dabei kam ich zu Sturz und saß dann neben dem ebenfalls zu Boden gegangenem Schreier. Er umklammerte ein langes Küchenmesser. Ein Mann versuchte ihm das Messer zu entwinden, auch ich versuchte den Schreier zu bewegen das Messer los zu lassen. Mehrere Männer saßen inzwischen auf dem Schreier, .einer kniete hinter seinem Kopf und würgte ihn bedrohlich am Hals. Dann kam die Polizei.
Ich meldete mich sofort als Zeugin, weil ich ja den Vorgang von Anfang an beobachtet hatte. Nach einiger Mühe gelang es mir eine Aussage zu machen. Erst am Dienstag den 18.1. konnte ich nachmittags auf dem Polizeirevier eine lange, detaillierte Aussage machen.
Aber bereits am Montag stand im GT ja schon fest, wer der Schuldige und Täter war. Nämlich einzig und allein der Schreier mit iranischem Hintergrund. Wackere Deutsche waren ihm in den Arm gefallen.
Wenn die Polizei dem GT derartige Informationen gegeben hat, ist das nach meiner Rechtskenntnis äußerst bedenklich, denn es kommt ja einer Vorverurteilung während eines laufenden Verfahrens gleich, in dem noch nicht einmal alle Zeugen gehört wurden.
Einer unserer wesentlichen Rechtsgrundsätze besagt ja, dass die Unschuldsvermutung für jeden Angeklagten gilt, bis ihm in einem rechtstaatlichen ordentlichen Gerichtsverfahren seine Schuld nachgewiesen wurde. Diesen Schuldspruch darf allein ein Richter fällen ( nicht die Polizei und nicht die Presse), nachdem der Angeklagte sich auch mit Hilfe eines Anwalts seiner Wahl verteidigen konnte und alle wichtigen Zeugen gehört wurden.
Dies hätten auch die Redakteure des GT bedenken und sich um eine sachlich ausgewogenere und nüchternere Berichterstattung bemühen sollen.
In der Tat, wie es der Breakdancer Hamdi in seinem Leserbrief schreibt: "Humanismus und Hilfsbereitschaft sind gefragt." Und die Verteidigung rechtsstaatlicher und demokratischer Grundsätze und Verfahrensweisen, möchte ich hinzufügen.
Die Wahrheit ist meist komplizierter und sperriger als es gängige Vorurteile nahe legen. Und Demokratie ist ein nüchternes und mühsames Unterfangen- und leider ständig gefährdet.

Anne Schreiner, Göttingen, den 22.1.11

 

Göttinger Tageblatt , CDU und die Geschichte der Studentenbewegung
Ignoriert als sie aktuell war - aber jetzt die Interpretationshoheit suchen

Altes Rathaus Freitag, 11.4.08, 19.30 Uhr Podiumsdiskussion "Beeinflussung politischer, gesellschaftlicher und kultureller Entwicklung durch die „68er-Bewegung“ . Dr. Harald Noack (CDU) , Hermann Schierwater (SPD) , Jürgen Trittin (Bündnis 90 / Die Grünen), Bernd-Michael Weide (Rechtsanwalt) , Moderation Ilse Stein (Göttinger Tageblatt)

Zur Kombination von CDU und Grünen siehe auch unsere Prognosen von 2005


Foto: kpw

Podiumsdikussion über die 68er-Bewegung: Trittin (Grüne), RA Dr. Noack (CDU / RCDA), Ilse Stein (GT), stehend Dr. Böhme (Stadtarchivar / Leiter des Museums), Hermann Schierwater, RA Weide

goest-kommentar:
Wir entschlossen uns , die Veranstaltung rechts liegen zu lassen. Wie uns versichert wurde, haben wir nichts verpasst.

Kommentar: ausgerechnet eine Vertreterin des Göttinger Tageblatt, dessen Redaktion damals gegen die Studentenbewegung gehetzt hat und ausgerechnet Dr. Noack von der CDU, der die Zeit als RCDS-Mitglied erlebt hat wollen nun in einer Podiumsdiskussion die Erinnerung an diese Zeit diskutieren und moderieren
Da wird ausgehend von der Ausstellung "Göttinger Sieben" eine Tradition akademischer Protestfolklore präsentiert, die zwar noch die Göttinger Erklärung gegen die Atombombe umfasst, die aber den Protest gegen die Einschränkungen der Presse- und Meinungsfreiheit im Zusammenhang mit dem Buback-Aufruf einfach auslässt. Nun wird im Rahmen dieser akademischen Protestfolklore auch die 68er Studentenbewegung mit verwurstet. Ausgerechnet unter der Moderation der GT-Chefredakteurin sollen CDU-, SPD- und Grüne-Vertreter darüber podiumsdiskutieren wie die 68er Bewegung die Gesellschaft nachhaltig beeinflußt hat.
Man braucht zwecks Empörung gar nicht die kritikwürdige Geschichte des GTs vor 1945 zu bemühen, es reicht auch aus, das Verhältnis von GT und Studentenbewegung zu betrachten.

Nadine Stockmann verweist in ihrem Buch "Klare Fronten Tageszeitungen in Göttingen 1919-1970", das im Juni 2008 erscheint darauf hin, dass das Göttinger Tageblatt Rudi Dutschke und die Studentenbewegung im "Heißen Frühling von 1968" als "Falschmünzer der Demokratie bezeichnet hat. Und nun moderiert am 40 Jahrestag des Attentats 11.4.1968 auf Rudi Dutschke Dutschke eine Vertreterin des Göttinger Tageblattes eine Veranstaltung zu "1968".
Die "Göttinger Stadtzeitung" vom April 1978 wies darauf hin, dass das GT am 21. März 1977 nach den Demonstrationen von Grohnde und Brokdorf dem Staat empfahl ,,nicht nur Samtpfoten sondern auch Krallen" gegen die Demonstranten einzusetzen.
Das Graswurzelnet erinnert: "Am Freitag vor Pfingsten 1977 erlebte Göttingen eine (glücklicherweise noch nicht alltägliche) Polizeiaktion, bei der 17 Wohnungen, das AstA-Gebäude, der Buchladen Rote Straße, das Büro des Kommunistischen Bundes Westdeutschland und zwei Druckereien durchsucht und Berge von Zeitungen, Aufzeichnungen, Tagebuchnotizen, Flugblättern beschlagnahmt wurden. Empörte Studenten machten sich Luft durch ein Go-in beim Göttinger Tageblatt, das wegen seiner Berichte unbeliebt ist."
Moritz Heil berichtet über Guntram Vesper der in "Nördlich der Liebe und südlich des Hasses" die Meinung der Studenten damals zum GT beschreibt: "Der Protest und teilweise auch der Widerstand der Studenten gegen die Politik der Bundesregierung fand in den Ausgaben des Göttinger Tageblatts entweder gar keine Beachtung oder ihm wurde mit Verständnislosigkeit begegnet. Diese Differenzen führten dann auch zu der von Guntram Vesper erwähnten Demonstration: "Wir wollten zum Tageblatt hin und wir wollten jeden Tag eine Seite für die Belange der fortschrittlichen Studenten, des SDS und des AStA und der außerparlamentarischen Opposition." Den Studenten war klar, dass sie das Göttinger Tageblatt nicht von einem Tag auf den anderen umkrempeln konnten. Es ging vielmehr darum, zu den "Lügen der hiesigen Zeitung, des Göttinger Tageblatts" ein Gegengewicht zu schaffen, nicht sie zu korrigieren.

"Am 4. Mai 1970 starben beim Kent-State-Massaker vier Studenten im Kugelhagel der Nationalgarde, die herbeigerufen worden war, um den vier Tage dauernden Protest gegen die US-amerikanische Invasion Kambodschas zu beenden." (Wikipedia) Zu diesem Ereignis suchen wir noch den damaligen Kommentar des GT, er soll in aufschlußreicher Weise einen Bezug zur Studentenbewegung vor Ort hergestellt haben. Am 8. Mai 1970 demonstrierten in Göttingen etwa 800 Studenten gegen die amerikanische Intervention in Kambodscha. Bisher haben wir aus dieser Zeit nur GT-Berichte über das "Attentat auf den Neger Martin Luther King" gefunden.

 

Kritik an "Hofberichterstattung für die KWS" zum Thema Gentechnik

15.4.08 / Voher hatte die Presse die Besetzung vier Tage lang ignoriert und darüber geschwiegen, wer die Versuchsfläche, wie und aus welchem Grund besetzt hat. Erst nach der Veröffentlichung einer Presseerklärung der Firma KWS veröffentlichte die Presse ausschließlich deren Sichtweise. Danach hieß es in einer Erklärung der Ratsfraktion Die Grünen: "Der Vorsitzende der Ratsfraktion Bündnis 90/DIE GRÜNEN, Rolf Becker, möchte die VertreterInnen der lokalen Medien auf einen ärgerlichen Fall von Verlautbarungsjournalismus hinweisen. Bitte lesen Sie die Pressemitteilung der KWS-Saat AG vom 12.4.2008 unter folgender Internetadresse http://www.kws.de/go/id/coki/ und vergleichen Sie..(...) " diese Pressemitteilung mit den Artikeln der Regionalpresse. Die Regionalpresse so Becker weiter "ist nicht die Pressestelle der KWS" sondern die Journalisten sollten "sich auch beim Thema Gentechnik ihren LeserInnen und dem Pressecodex verpflichtet fühlen". "Dies sei nicht der erste Fall von Hofberichterstattung KWS. Über ein wenig mehr Ausgewogenheit in der Berichterstattung über Gentechnik würden wir uns sehr freuen. Becker weist daher auf die Darstellung der FeldbefreierInnen der Initiative Gendreck-Weg! hin." Die inhaltlichen Positionen der Initiative würden von der Ratsfraktion der GRÜNEN weitgehend geteilt.

 

Streik in den Redaktionen
Auch Göttinger Tageblatt wurde bestreikt

7.2.04 / Am Freitag den 6.2.04 streikten die Redakteure des GT bereits seit über einer Woche. Einerseits wird im GT nicht darüber berichtet, andererseits wird mithilfe von Praktikanten und Freien MitarbeiterInnen die die Seiten füllen, der Streik unterlaufen. Der Streik findet also unter schwierigsten Bedingungen statt.
Deshalb: Die Streikenden brauchen Unterstützung von außen. Ein Besuch, eine Grußadresse, eine öffentliche Aktion für sie, Öffentlichkeitsarbeit oder ein Mitbringsel vor Ort in die Dransfelder Straße 1
DGB-Vorsitzender Sebastian Wertmüller hat in einem Rundschreiben auf die Situation aufmerksam gemacht und meinte u.a. "Deswegen ist Besuch vor Ort gerne gesehen: Also kommt selber vorbei, sprecht andere an, Mitbringsel (Krapfen, Äpfel oder was auch immer) kommen immer gut an."

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Plakate und Verkehrshinweis am Eingang zum Parkplatz der Tageszeitung "Göttinger Tageblatt"

Der Streik braucht Unterstützung 6.2.04
DGB und IG Metall in Göttingen betonen gemeinsam ihre uneingeschränkte Solidarität mit den Streikenden Journalistinnen und Journalisten.
Jeder wisse, dass Journalisten üblicherweise weit über die tarifliche Arbeitszeit hinaus tätig seien  und einen extrem anstrengenden Job haben: Nachtarbeit, Arbeit an Wochenenden und an Feiertagen sind die Regel. Wertmüller (DGB) und Boguslawski (IGM) kündigten an, dass bei einem Fortgang der Auseinandersetzungen die Streikenden von IGM und VERDI sich gegenseitig unterstützen würden.

Die erste Runde blieb ohne Erfolg
Am Samstag den 31.1.04 erschien das Tageblatt ohne Anzeigenteil, das ist wohl der empfindlichste Verlust, den man einer Zeitung durch Streik antun kann - möglicherweise wird auch die Technik in Streik einbezogen, dann wird garnichts mehr gehen. Die Streik-Macht der JournalistInnen ist begrenzt, da zu wenige gewerkschaftlich organisiert sind und für die ausfallenden JournalistInnen genügend "Freie Mitarbeiter" bereitstehen, die dann ihre Chance wittern, etwas Geld zu verdienen.
Am 4.1.04 wiederholten die Arbeitgeber ihr provokatives Angebot vom 13. Januar "20 %Kürzung beim Urlaubsgeld, Reduzierung auf 30 Tage Urlaub und zwei Jahre ohne Gehaltsanhebung“.
Die Berichterstattung im Tageblatt wird die streikenden JournalistInnen kaum unterstützen - wie gut, dass es noch andere Medien gibt :-) 
Das Göttinger Tageblatt beschäftigt etwa 35 Redakteure und produziert zusammen mit der Regionalausgabe "Eichsfelder Tageblatt" eine Auflage von ca. 47.000 bis 50.000 Exemplaren. Die Reichweite liegt bei ca. 140.000 südniedersächsischen LeserInnen.

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Streikplakate am Zaun zum Parkplatz des Tageblatts, 4.2.04

2004 Bundesweite Streiks für mehr Geld und weniger Arbeitshetze

In bundesweit 70 Redaktionen sind am Donnerstag 29.1.04 rund 2000 Beschäftigte dem Aufruf von DJV und dju in ver.di gefolgt und in den unbefristeten Ausstand getreten. Die Streiks wurden am Freitag ausgeweitet. Bundesweit waren über 2.200 Beschäftigte in rund 100 Redaktionen im Ausstand.Die Streiks werden über das Wochenende fortgeführt.
Mitte Januar war deutlich geworden, dass gestreikt werden muß. Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger wollte die Gehälter der bundesweit rund 14.000 Redakteure bis zum 31.Juli 2005 einfrieren, das Urlaubsgeld auf 75 Prozent eines Monatsgehalts begrenzen und den Urlaub von 35 Tagen auf 30 kürzen und eine Arbeitszeitverlängerung um bis zu 3,5 Wochenstunden einführen.
"Darauf konnte es keine andere Antwort als die Urabstimmung geben", erklärten die Vertreter von DJV und Verdi. An der Urabstimmung waren rund 3.000 Redakteure an etwa 70 Zeitungen in zehn Bundesländern beteiligt. Die Beteiligung habe bei 80 Prozent gelegen und 95 Prozent der Teilnehmer haben für Streik gestimmt. Das ist weit mehr als die erforderliche Zweidrittelmehrheit (beim DJV) bzw. Dreiviertelmehrheit (Verdi)

Gewerkschaften wollen moderat bleiben - Die Gewerkschaften erklärten sich bereit, über zeitlich befristete Öffnungsklauseln für Verlage in wirtschaftlicher Not zu verhandeln. Ver.di hatte darauf verwiesen, dass eine Reihe von Großverlagen durchaus gute Gewinne machten. Eine dauerhafte tarifliche Verschlechterung lehnen die Gewerkschaften ab. Die Sprecher der Gewerkschaften signalisieren, dass die Einkommen nur "moderat erhöht" werden sollen. (Das hört sich arg nach Einknicken an...)

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